Mittwoch, 9. Mai 2018

Über neue Pianomusik

Quelle: musaic.co.za
(ms) Das Klassik in Klassischer Musik hat oft einen störenden Beigeschmack. Es klingt muffig, verstaubt und allzu oft nach einer Musikrichtung, die Avantgarde ist oder war. Ganz klischeehaft für ältere Leute, die zu Mozart-, Bach- oder Beethoven-Interpretationen gehen. Menschen, die die Welt oder die Zeit komplett lesen und in ihrer Freizeit ungezwungen die Farbe Beige tragen.
Ja, das sind die Stereotype und Vorstellungen von Cello-Martineen und Violinen-Soirees: bieder, altbacken. Doch die Menschen, die genau diese Musik spielen sind es meistens nicht, sondern hochgradig talentierte Musiker, die es verstanden haben allein, in einem kleinen Ensemble oder einem großen Orchester den Zauber dieser alten Musik neu zu arrangieren, klingen zu lassen und die Zuhörer zum Staunen zu bringen. Doch wie bekommt man diese herrliche Energie alter Meisterwerke an die Menschen herangetragen, die das Setting schon abschreckt?

Zum Glück gibt es Martin Kohlstedt, Olafur Arnalds, Hauschka, Lambert, Nils Frahm, Grandbrothers und noch etliche mehr. Schwer zu sagen, ob denen Motivation für ihre Kunst es war oder ist, der potentiell jüngeren Zuhörerschaft ein Tor zu einer ihnen verschlossenen Welt zu eröffnen: Die des Klaviers. Ein magisches Instrument mit in der Regel 88 Tasten, die siebendreiviertel Oktaven umfangen. Nicht nur diese irre Bandbreite an Tönen, die man bedienen kann, sondern auch die Kreativität, die diese erzeugen, kann zum Staunen erregen.
Genau diese Gabe beherrschen die oben aufgeführten Künstler in Perfektion. Sie spielen in den großen Philharmonien, auf Festivals und in Kirchen. Die meisten ihrer Auftritte sind restlos ausverkauft und das auch weit von ihrer jeweiligen Heimat entfernt.

Woran liegt dieser enorme Erfolg der Musikrichtung, die man im weitesten Sinne Neoklassik nennt?
Innerhalb dieses Genres sind die einzelnen Spielrichtungen doch sehr verschieden. Alle arbeiten mit dem Klavier. Das ist das verbindende Element. Was sie daraus machen, geht von sphärisch-ruhiger Nachdenkmusik (Olafur Arnalds) bis hin zu tanzbaren Beats (Grandbrothers). Was auch alle gemeinsam machen ist eine der größten Herausforderungen, die das Musizieren an sich überhaupt bietet. Und das schreibt jemand, der jahrelang Saxophonunterricht genommen hat: Die Improvisation. Ja, kann man denken, dann spielt man einfach, was man will. Okay, das stimmt schon, aber das ist nur die halbe Miete. Oder nicht mal das. Denn die Herausforderung der Improvisation ist, dass der Zuhörer in den Bann gerissen werden muss, er darf nicht den Eindruck bekommen, dass der Musikus nicht weiß, was als nächstes kommt; es muss einen groben Plan, eine nebulöse Richtung geben. Wenn das im Raum schwebt, kommen die Töne von ganz allein.
Hinzu kommt, dass es für die Zuhörer und die Musikanten ein Erlebnis mit Einzigartigkeitscharakter hat. Es sind kreative Geburten, die in die Welt hinaus gelassen werden und sich dann in der Luft verflüchtigen. Sie kommen nicht wieder, bleiben einzig und allein im Ohr der Anwesenden. Diesen faszinierenden Moment kann auch ein Ton- oder Videomitschnitt nicht ersetzen.
Möglicherweise ist es die Sehnsucht nach dem Beisein von Einzigartigem und neu Geschaffenem live. Oder einfach dem schieren Glanz, den diese Musik ausstrahlt. Er ist packend. Auch in den enorm ruhigen, leisen Momenten. Vielleicht gerade dann, wenn die Spannung in der Luft anfängt zu vibrieren. Dann fängt das Staunen an!











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