Montag, 19. Juni 2017

Ein Wochenende Eskapismus: Traumzeit Festival 2017

Amander Palmer und Edward Ka-Spel: Herausragend. Foto: luserlounge
(ms) Der Besuch eines Festivals ist auch immer eine persönliche Geschichte und diese wird nicht objektiv ausfallen; zum Glück aller Beteiligten. In den letzten vier Jahren war ich also schon beim Traumzeit Festival im Landschaftspark Nord in Duisburg; eine Stadt, die wegen Stadtteilen wie Marxloh, immer in etwas düsterem Licht erscheint.
An diesem Wochenende im Juni hat nicht nur das Wetter sehr gut mitgespielt, um das Gelände in eine faszinierende Flaniermeile zu verwandeln, sondern auch die zum Teil außergewöhnlich guten Bands und das sehr entspannte Publikum. Dieses wurde bei dieser Ausgabe vom äußerst feinen Händchen der Bookingabteilung so stark angezogen wie in den letzten Jahren kaum. Dafür verantwortlich waren unter anderem die Auftritte von Tom Odell, Milky Chance, Alice Merton, Amander Palmer und Edward Ka-Spel und dem allerletzten Gig der Kilians, die aus dem wenig entfernten Dinslaken kommen. So waren der Samstag und Sonntag ausverkauft. Das freut den Verfasser besonders, der in den letzten beiden Jahren den Eindruck nicht loswurde, dass die Besucherzahlen sinken würden.
Im zweiten Jahr hintereinander wurde nun die Kraftzentrale nicht bespielt und dafür auf dem Cowperplatz eine Bühne installiert, was sich als gute Idee herausstellte, insbesondere bei den höheren Temperaturen draußen zu bleiben. Denn bei einzelnen Gigs in der Gebläsehalle wurde es auch schnell warm.
Änderung in der Organisation und im Booking haben dem Traumzeit Festival ein tolles neues Gesicht verpasst und noch andere Besucherkreise angelockt, die es mit viel Applaus, stillem Zuhören, ausgiebigem Tanz und dem Einlassen auf Unbekanntes zurückgezahlt haben. Namen wie Mario Batkovic, The Lytics, Mammal Hands oder Fererico Albanese sind im Vorhinein sicher nicht allen geläufig gewesen. Da es kaum Überschneidungen der Spielzeiten gab, blieb viel wertvolle Zeit, sich treiben zu lassen und Neues kennenzulernen.
So fassen wir die wichtigsten Erkenntnisse des Wochenendes zusammen:

  • Wenn der Knappenchor Homberg mit einem geschätzten Durchschnittsalter von 81 aus voller Kehle das Steigerlied singt und dafür ausartenden Applaus bekommen, können Tränen in die Augen steigen.
  • Woher hat Jesper Munk denn diese abgefahren geniale, verrauchte Tom Waits-ähnliche Stimme? Trotz gerissener Seite hat er mit seiner Band und schierem Können zu begeistern gewusst!
  • Absolutes Highlight: Helgi Jonsson und Tina Dico in der Geläsehalle! Schwer für diesen Auftritt Worte zu finden: Gefühlsdicht, fein, laut, perfekt harmonisch...? Alles richtig!
  • Persönlicher Glücksfall: Endlich mal Why? gesehen zu haben. Seit Jahren verfolge ich das Wirken von Yoni Wolf; das neue Album ist auf Platte äußerst schwer zugänglich, live waren sie genial. Sympathisch: Der Bassist trug ein Gleis22-T-Shirt!
  • Von Wegen Lisbeth sind ein übler Mix aus AnnenMayKantereit, Bilderbuch und Anajo. Ist klar, dass das funktioniert, nervt aber brutal!
  • Absolutes Highlight 2: Amander Palmer und Edward Ka-Spel. Ich kannte beide vorher nicht, die Dresden Dolls nur vom Namen her. Was sie zu zweit mit ihrem Violinisten fabriziert haben, ließ die Nackenhaare aufstellen, so düster, phänomenal, erstaunlich war die Performance.
  • Tom Odell bewies live, dass er kein One-Hit-Wonder ("Another Love") ist.
  • The Lytics aus Kanada waren der einzige HipHop-Act auf dem Festival und wussten sehr gut, wie man die Zuhörer in einer Dreiviertelstunde für sich gewinnen kann. Hut ab!
  • Giant Rooks: Dürfen die nach 18 Uhr überhaupt auftreten? Die sind gefühlt ja alle 16 oder 17. Dafür hat der Sänger aber eine extrem reife Stimme und die Freude auf ihren Gesichtern beim vollen Cowperplatz war nicht gespielt, der Auftritt sehr stark!
  • Bukahara: Jeder, der die Band schon mal gesehen hat, weiß was sie können. Der Mix aus Balkan- und arabischem Sound, gepaart mit tanzbarem Folk lässt die Masse eskalieren.
  • Stefan Honig hat mit Freunden sein einziges Solo-Konzert dieses Jahr gespielt, neues Material vorgestellt, sodass die Standing Ovations absolut logisch waren. Absolut sympathischer Typ, der das Spiel auf der Guitarlele zu perfektionieren und die Leute zu unterhalten weiß. Vielstimmiges Mitsingen bei "Golden Circle" und "Those Lost At Sea". Top!
  • Milky Chance boten zwar den Abschluss, doch andere Bands (s.o.) wussten mehr zu begeistern. Außerdem haben die Kasseler stark mit Effekten und Sounds aus der Dose gespielt: haben sie nicht nötig.
Oh man, Traumzeit Festival!
Auch an dem Tag danach bin ich noch ganz aus dem Häuschen und schwelge in den Eindrücken aus dem Industriepark. Die Organisatoren wissen zu überraschen mit den verpflichteten Acts. Und dass es trotz ausverkauft so entspannt vor den Bühnen zugegangen ist, zeigt ein gutes Gespür, was die Besucher wollen. Vielen Dank uns bis nächstes Jahr!

PS: An die etwa 10-Personen-starke Gruppe Anfang/Mitte zwanzig, die öfter schön mit Glitzer geschminkt waren: Vielen Dank, ihr ward super und konntet gut tanzen!

Blick auf die Cowperbühne bei Tom Odell. Foto: luserlounge.
Traumzeit. Festival der anderen Art. Foto: luserlounge.

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