Mittwoch, 24. August 2016

Phia - "The Ocean of Everything" - Bällebad für Erwachsene

Sophia Exiner aka Phia.
(ms) Ich war schon lange nicht mehr bei Ikea. Eigentlich finden ja alle den schwedischen Möbelriesen und Kötbullar-Verticker gleichermaßen gut wie schlimm. Am Ende des Tages geht man sowieso mit einer Monatspackung Hafer-Schoko-Kekse und 100 neuen Teelichtern nach Hause, die man ganz dringend benötigt. Stichwort Hamsterkäufe.
Einen großen, tollen Vorteil hat das Shoppingparadies allerdings nur Kindern vorbehalten: Das gute, alte Bällebad! "Der kleine Tobias möchte bitte aus dem Smaland abgeholt werden."
Jetzt kommt die entscheidende Frage: Warum gibt es das nicht für ausgewachsene Mädels und Jungs ab - sagen wir mal - 25? Während Freude und Familie sich durch Wohnzimmer und Bäder quetschen - es ist ja immer voll - kann man selbst ganz entspannt rutschen, mit Bauklötzen spielen oder ins sagenumwobene Bällebad abtauchen. Vielleicht kann man auch eine Erwachsenen-Version daraus bauen mit ein wenig mehr Spannung, Action und Bespaßung. Ich wäre jeden Tag bei Ikea.


Wie komme ich jetzt zu Sophia Exiner?
Phia, wie sie sich als Musikerin nennt, spielt den Soundtrack zu obrigem Szenario. Mit "The Ocean Of Everything" erscheint diesen Freitag über Labelship ihr Debutalbum. Die elf Songs sind so abwechslungsreich, wie verspielt und aufmunternd. Was das ganze noch spannender macht, ist, dass die junge Australierin live mit Kalimba und Loop-Pedal spielt. Insbesondere der Kalimba-Sound bestimmt den Klang des Albums.
Das durchweg freudvolle Klangbild spiegelt auch das Wesen von Exiner wieder. Vor fünf Jahren buchte sie sich ein One-Way-Ticket von Melbourne nach Berlin und verweilt seitdem in der Hauptstadt. Mit Joshua Teicher und Eli Crews formte sie die Tracks zu einem sehr runden, kurzweiligen Album. Es ist ein schönes Wechselspiel von einzelnen Instrumenten und ihrer weichen, klaren Stimme geworden.
Als Aushängeschild kann man die Songs "Open/Closed" und "Do You Ever?" nehmen. Beide wurden auch als Single ausgekoppelt und stehen repräsentativ für den eigens erzeugten Klang. Erwachsener geht es dann auf dem Schlussspurt zu. Der letzte Song, "End Of The Day", wirkt groß, etwas unheimlich, druckvoll. Er erdet das Album aber auch in ungewöhnlicher Weise.
"The Ocean Of Everything" ist ein wundervolles, leises, verspieltes Album geworden, das es sich lohnt anzuhören, wenn man dem stressigen Erwachsenen-Alltag etwas entfliehen will.



Wer sich vom Looping-Spiel von Phia live überzeugen will, kann das hier tun:

13.09. Köln, Blue Shell
14.09. Halle, Objekt 5
15.09. Magdeburg, Theater in der grünen Zitadelle
16.09. Berlin, Privatclub
17.09. Erfurt, Franz Mehlhose
20.09. Dresden, Ostpol
22.09. Leipzig, Noch Besser Leben
23.09. Saalfeld, Forty One
24.09. Radebeul, Herbst- und Weinfest

Montag, 22. August 2016

Beginner - der Testsieger rappt wieder!

© David Koenigsmann Universal Music
(sf) Eizi Eiz. Denyo. DJ Mad. Muss man noch mehr sagen? Die BEGINNER sind wieder da und am Freitag (26.08.) haben 13 ewig lange Jahre Warten endlich ein Ende. "Advanced Chemistry" heißt das neue Album und der Titel dient zum Einen als Reminiszenz an die Heidelberger Hip Hop-Pioniere um Torch und Toni L, zum Anderen weist er aber auch auf die Weiterentwicklung hin, die die Beginner während ihrer Karriere seit Anfang der 90er Jahre durchlaufen haben. Vom englischsprachigen(!) Rap-Act, über  "Bambule" mit all seinen Hits, bis hin zu "Blast Action Heroes", das dem Genre seine erste Nummer 1 in den deutschen Charts bescherte. Nun gehts also weiter und die Herren um die 40 sind noch lange keine Rap-Rentner...

Aber wie geht man es an? Wie nimmt man seine erste Platte nach einer gefühlten Ewigkeit auf, wenn
man den deutschsprachigen Hip Hop geprägt und darin mehr erreicht hat, als dafür überhaupt je vorgesehen war? Wenn man die Hall of Fame von innen und seine Szene von außen kennt, weil zwischenzeitlich andere Kleinigkeiten wie Familiegründen, kreative Versenkung und Soloprojekte mit Platinüberzug anstanden? Wenn da draußen Leute warten, die dieser Musik nicht weniger als ihre
verdammte Jugend verdanken, und dahinter bereits Massen von YouTube-Experten und andere Wwwahnsinnigen mit den Hufen scharren? Die Beginner haben das getan, was vermeintlich nahe liegt und dennoch so verdammt schwer sein kann: sie haben den riesigen Sack mit den Erwartungen über Bord geworfen, sich kurz gestreckt und einfach mal das gemacht, was sie am Besten können.

Um es gleich mal vorweg zu nehmen: nicht jeder der 12 Tracks ist ein Top-Hit, aber was solls? Ich hatte insgesamt nicht mit so viel Qualität, so fetten Beats, so aussagekräftigen Texten und so viel Wortwitz gerechnet. Ich hatte befürchtet, die Beginner würden sich auf ihrem Namen ausruhen, sich damit zufrieden geben, wieder da zu sein und durch ihre bloße Anwesenheit wieder in den Olymp einzuziehen. Aber davon keine Spur, denn schon das Comeback-Intro "Ahnma" lässt, äh ja, erahnen, in welche Richtung das Album gehen wird. Klar, man feiert sich ne Runde selber, ist sich der eigenen Bedeutung durchaus bewusst, lässt den bereits erwähnten Torch zu Wort kommen, schlägt doch die Brücke von den absoluten zu den überragenden Beginnern und baut mit Gentleman und Gzuz alte Weggefährten und neue Hip Hop-Heroen ein. Fast schon folgerichtig erschien die Single just an dem Tag, als Gzuz mit seinem Album die Top-Position der deutschen Charts stürmte.

© Nils Müller Universal Music
"Es war einmal...", die zweite Auskopplung schlägt in die selbe Kerbe, zäumt das Pferd aber von hinten auf und erzählt die Bandgeschichte in knapp fünf Minuten. Ziemlich gechillt, das Ganze, aber zur vollen Entfaltung kommt der Track erst in Verbindung mit dem genialen All-Star-Video, das ich Euch unter dem Artikel angehängt habe. Amüsantes Detail am Rande: Eiz und Denyo lassen sowohl in diesem Song, als auch später im Album immer mal wieder bekannte Zeilen der Deutsch-Rap-Historie einfließen und zaubern so ein Schmunzeln auf die Lippen des geneigten Hörers.

Mit Samy Deluxe darf bei "Meine Posse" wieder ein Gast mitrappen, der die alte Schule des einheimischen Hip Hop repräsentiert. Der Track hakt an mancher Stelle ein bisschen, kommt mitunter ein bisschen sperrig rüber und ganz ehrlich: ich tu mir ein bisschen schwer, wenn Menschen in dem Alter den Posse-Gedanken hochleben lassen.

© David Koenigsmann Universal Music
Auch "Schelle" reißt mich nicht gerade vom Hocker, wobei es schon ganz witzig ist, wie den
Möchtegern-Gangstern der Szene vorgehalten wird, dass es nicht immer gleich die Pumpgun sein muss. Mit "So schön" kehren die Beginner zusammen mit Dendemann jedoch zurück in die Erfolgsspur und legen textlich wieder eine Schippe zu. "Rambo No. 5" lässt anschießend zunächst Schlimmes befürchten und lässt den Hörer bei den ersten drei Hördurchgängen ratlos zurück, aber irgendwann ist der Shice dann doch sehr catchy und wird vor allem live wahnsinnig gut funktionieren.

"Kater" beschreibt das legendäre Jahrhundertbesäufnis und das böse Erwachen am nächsten Morgen. Wer kennt es nicht, dieses elende Gefühl, das auf den Rausch folgt? Für mich eins der Highlights des Albums und definitiv der Soundtrack so manch eines vergangenen Wochenendes. "Rap & fette Bässe" bietet genau das, was der Name verspricht, ehe das Intro zu "Spam" für Gänsehaut sorgt und sich der Text mit den Abgründen der schönen neuen digitalen Welt beschäftigt. Vielleicht der beste Track des Albums und in seiner Tiefgründigkeit sehr bedrückend.


Zusammen mit Megaloh strecken die Beginner mit “Thomas Anders” den stolz gereckten Mittelfinger gegen die durchnormierte Langeweile der Selbstoptimierungsstreber und Spießbürgerkings. Dann hat Haftbefehl seinen großen Auftritt und prollt durch "Macha Macha" - keine Ahnung, ob das sein muss, ob das Provokation sein soll oder einfach ein Statement, dass die Beginner sich alles leisten können, weil sie eben die Beginner sind? Wie dem auch sei: der Track funktioniert überraschenderweise sehr gut.

© David Koenigsmann Universal Music
Und zum Abschluss des Albums beleuchten Eizi, Denyo und Professor Mad mit dem ihnen eigenen schwarzen Hanseatenhumor die Greuel einer jeder Reise: Woanders is’ auch scheiße, wo bitte gehts hier wieder “Nach Hause”?

Mein Fazit hatte ich ja ziemlich zu Beginn bereits einfließen lassen, aber nun nochmal: ich kann mir  gut vorstellen, dass manch Zuhörer, der die Beginner "damals" schon kannte und liebte,  beim ein oder anderen Track die Hände über dem Kopf zusammenschlagen wird. Mich hingegen hat "Advanced Chemistry" positiv überrascht, das Album klingt mit jedem Anhören noch besser und ich bin froh, dass die Beginner wieder da sind, zumal ich mit den Soloprojekten der Bandmitglieder nicht so arg viel anfangen konnte. Ich bin sehr angetan und gehe sogar so weit zu sagen, dass das Comeback über die ganze Spielzeit gesehen sogar das ausgeglichenste und beste Album der Bandgeschichte darstellt.


 





Sonntag, 21. August 2016

Ira Atari & Roosevelt: Neues aus der Elektroecke!

(ms) Ich muss ja sagen, dass ich lange Zeit rein elektronische Musik belächelt habe, gleichzeitig Kraftwerk verehre und die David Guetta-Ableger in Clubs und Discotheken mit ihren hässlichen Kopfhörern und Knöpfchendrücken aberwitzig finde. So paranoid ist das alles, wie immer also. Wer jedoch mal eine Band wie Rangleklods (heute Blondage) live gesehen hat, weiß wie mitreißend diese Musik sein kann. Es ist nicht nur hier mal auf Play und da auf Skip drücken. Da steckt richtig Arbeit drin! Mit kleinsten Samples und Soundschnipseln ein ganzes Album zu gestalten, würde ich nie schaffen, zwei linke Hände halt. Daher hier und heute: Zwei Rezensionen aus der Elektroecke!
Ira & Bernhard. Foto: Oliver Schweers.
Ira Atari war lange Zeit das Ein-Frau-Projekt von Ira Göbel. Nach dem knallig-schrill-tanzbaren "Shift" hat sie sich auch musikalisch mit ihrem Freund Bernhard zusammen getan, sodass seitdem ein Duo an den Synthies steht. Die "Heroes"-EP haben wir schon mit weiten Augen und Ohren besprochen. Am Freitag kommt nun das zweite Album: "Moment".
Ein hörbarer Wechsel im Sound hat sich schon bei der EP angekündigt. Die grellend-scharfen Sounds sind weit in den Hintergrund getreten, fast verschwunden, die Songs etwas langsamer - aber nicht langweiliger - geworden. Es zog ein Hauch von Disco in ihre Tracks ein, der auf "Moment" klar herauszuhören ist! Wenn man bei Elektro immer den Tanzbarkeitsfaktor betont, sollen hier genauso die Texte gelobt werden, es lohnt sich die Ohren zu spitzen, denn Ira Atari haben stets was zu sagen und wir wollen hier keine Zeilen vorweg nehmen. "Moment" ist ein Album, was ohne weiteres Songs wie "Monday", "Crocodiles" und "In Chains" die Tanzflächen füllen und abgehen lassen wird.
Wenn jetzt jemand daher kommt uns sagt: Ach, die haben sich doch nur angepasst und sind schon voll mainstreamig geworden. Dem bleibt zu antworten: Nö! Das erste Album ist ja nicht weg und die Entwicklung ist wirklich gut.
Genießt den "Moment"!



Cut!
Außer jener despektierlichen klischeehaften Tanzbarkeit fällt mir keine Überleitung zu Roosevelt ein. Was, der Präsident ist doch seit Ewigkeiten tot, kann man denken. Oh, man.
Die Idee, genau diesen als Künstlernamen zu verwenden, hatte Marius Lauber aus Viersen, heute ansässig in Köln. Der Plan war so kongenial wie größenwahnsinnig. Aber es stimmt schon, wenn man hoch hinaus will, klingt Roosevelt besser als DJ Marius oder so. Seit Jahren hat er einzelne Songs online gestellt, wusste aber nie, ob das mal ein Album werden soll, das bei einem rennomierten Label erscheinen wird.

Foto: Marc Sethi
Und nun? Das selbstbetitelte Album ist am Freitag über City Slang erschienen, wo auch Naytronix oder die großen Caribou zuhause sind. Das Motto lautet also: From Viersen to the World. Und es funktioniert: The Guardian lobt ihn, die Intro widmet ihm die aktuelle Titelstory.
"Roosevelt" - also das Album - klingt nach Großstadt, sich treiben lassen, etwas Neonlicht, Clubs, die nicht zu groß oder klein sind, Sound, in dem man sich schnell verlieren kann und nie wieder raus will.
Dieser Typ, an dem man im Supermarkt im Müsliregal schnell mal vorbei läuft, hat ein unglaubliches Gespür dafür groovig-elektrische Hymnen zu schaffen. Dabei hört man Größen der Pop-Geschichte wie Pet Shop Boys genauso raus wie die einst abgefeierten MGMT.
Tracks wie "Sea", "Fever" oder "Hold On" sind dabei so einfach klingend, wie ohrwurmverdächtig. Dass seine Singles auch bei großen Radiosendern laufen, darf als Kompliment verstanden werden.
Ein starkes Debut und ein wahrer Hinhörer für alle Freunde elektrischer Musik!


Roosevelt kann man demnächst hier sehen:

31.08. Berlin - Pop-Kultur Festival
18.09. Darmstadt - Golden Leaves Festival
14.10. München - Strom
15.10. Leipzig - Werk 2
17.10. Köln - Stadtgarten
18.10. Hamburg - Übel & Gefährlich
29.10. Düsseldorf - New Fall Festival

Ira Atari feiert hier ihr neues Album:

03.11. Leipzig - Werk2
04.11. München - Kiste München
10.11. Hamburg - Hafenklang
11.11. Osnabrück - Zucker
12.11. Kassel - Goldgrube
17.11. Berlin - Musik&Frieden
18.11. Bremen - Lila Eule
19.11. Jena - Kassablanca
23.11. Dresden - Ostpol
24.11. Köln - Gebäude 9
25.11. Wiesbaden - Kulturpalast

Samstag, 20. August 2016

Kommando Kant vs The Boys You Know - eine Doppelrezension!

(sf) Habe ich schonmal erwähnt, dass ich die heutige Musikszene ungerecht und in mancher Hinsicht furchtbar finde? Da darf ein Gabalier bei MTV Unplugged auftreten (Kurt Cobain würde sich auf der Stelle nochmal erschießen, wenn er das wüsste!), während talentierte und musikalisch einwandfreie Künstler kaum Beachtung finden und nicht mal auf Spartensendern die Airtime erhalten, die sie verdienen. Gute Beispiele hierfür sind THE BOYS YOU KNOW aus Österreich und die deutschen Newcomer KOMMANDO KANT, die hierzulande nur Insidern bekannt sein dürften, was sich aber hoffentlich bald ändert, denn beide Bands bringen dieser Tage Alben heraus, die zu überzeugen wissen.

"Gedanken rasen, Rest bleibt kühl, das Wartezimmer-Hassgefühl. Ein Haufen unverbrauchter Energie” – mit der Freilassung ebendieser bahnen sich Kommando Kant ruppig ihren Weg aus Hamburg durch den Stau des Alltags. Musik als Druckablassventil in einer verwirrenden Zeit. Mit
© B+B Photography / Bartosz Harasimowicz, Nina Behr
„Ziehen Sie 'ne Nummer“ legt die Gruppe nun ihr Debütalbum vor. Produziert wurde es von Hauke Albrecht, der schon Bands wie Captain Planet und Findus dabei geholfen hat, ihren deutschsprachigen Indierock mit den notwendigen Druckstellen des Punkrock zu versehen. Genau in dieser diffusen Mitte haben sich Kommando Kant eingenistet und liefern elf melodiös-schroffe Liedbotschaften in der Tradition von Bands wie Turbostaat oder Muff Potter. Dabei richten sie mit ihren unbequemen Texten den kritischen Blick in bester Hamburger-Schule-Manier genauso sehr nach vorne wie über die eigene Schulter. Manchmal klingt das durchaus etwas rotzig, manchmal auch unausgereift, aber hey, das sind junge Burschen und so hat das halt einfach zu sein in dem Alter.

Für die Aufnahmen zu ihrem Debütalbum mieteten sich Kommando Kant im renommierten Hamburger Rekorder-Studio ein, was sich in jeglicher Hinsicht als gelungener Schachzug herausstellt, denn Produktion und Sound spiegeln das wider, was Musik und Texte ausdrücken. Ein großes Dankeschön auch an Snowhite PR für die Preise zu unserem kürzlich durchgeführten Gewinnspiel; die Gewinner haben sich sehr gefreut und haben hoffentlich genau so viel Spaß an "Ziehen Sie 'ne Nummer" wie wir.



Nicht mehr ganz so neu im Business sind The Boys You Know - die Jungs, die Ihr kennt? Nie gehört? Ging mir ehrlich gesagt ebenso, aber das solltet Ihr wirklich dringend ändern, denn "Elephant Terrible" ist ein klasse Album und auch die früheren Releases der Österreicher sind absolut hörenswert. Zieht Euch die ruhig mal bei Spotify rein und dann nichts wie hin zum Plattenladen Eurer Wahl.

Das Wohnzimmer Label steht dank Bands wie Kreisky und Velojet ohnehin für gute Pop- &
Rockmusik, doch mit The Boys You Know haben sie ein Aushängeschild, das auch über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen sorgt. Besonders in Japan hat sich die Band mittlerweile einen Namen gemacht und kann auf eine treue Fanbasis bauen.

https://www.facebook.com/theboysyouknow/
"Elephant Terrible" vereint neben den aus früheren Releases bekannten Einflüssen wie Pavement, Dinosaur Jr oder den Smashing Pumpkins auch Elemente von Neil Young oder Fleetwood Mac - eine alles in allem sehr interessante und anregende Melange, die nicht zuletzt auf die kürzlich zur Band gestoßenen Musiker zurückzuführen ist, die dem Sound durch die Ergänzung von Trompeten und Keyboards eine neue Dimension verleihen. Mein persönliches Lieblingslied ist ja "Indifferent", das es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch auf meine Best Of des Jahres 2016 schaffen wird. Von Anfang bis Ende ein herausragender Track, doch auch die anderen acht Lieder des Albums brauchen sich nicht zu verstecken und müssen den Vergleich mit Genre-Größen wie Nada Surf keineswegs scheuen. Ganz klare Kaufempfehlung!





Mittwoch, 17. August 2016

Messer - "Jalousie"

Messer aus Münster hinter Jalousie. Foto: Katja Ruge
(ms) Messer. Was für ein einschneidender Name.
Diesen Freitag kommt mit "Jalousie" ihr drittes Album heraus, dieses Mal über Trocadero. Darauf warten 11 Songs, für die sich die Band aus Münster mehr Zeit genommen hat als für die ersten beiden Werke. Gut drei Jahre sind seit "Die Unsichtbaren" vergangen.
Das Bandmember-Karussell hat sich seitdem auch gedreht und der Sound ist breiter geworden, wie wir schon zur "Kachelbad"-EP berichtet haben.
Insbesondere die zusätzlichen Percussion-Klänge schlagen sich direkt nieder und beleben die Klangfarben des Albums. Alle Tracks spielen mit düsterem Sound, der nicht melancholisch, sondern teils bedrückend, direkt und finster klingen. Dazu steht die Stimme von Sänger Hendrik Otremba im Kontrast, die markant den roten Faden webt. Wenn die Visions schreibt, dass genau diese Stimme auch manchmal nerven kann, ist es nachvollziehbar. Man kann sich aber auch sehr gut in diesem Klang verlieren. Dieser wird durch zahlreiche Gäste verfeinert. Micha Archer (The Notwist) oder Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten, Die Haut) geben sich die Ehre.
Es geht um Schmerz, gebrochene Liebe, Abgründe, Kriminalität. Wenn man Messer mit einem wilden Mix aus den frühen Tocotronic, Die Sterne, Kante, Sport und einer großen Portion eigener Kreativität beschreibt, hat man einen ungefähren Eindruck, was auf den Hörer wartet.




Beginnen tut das Album mit einem wahrhaften Intro. "So sollte es sein" spricht von entfernter Liebe und einem großen Wunschtraum. "Der Mann, der zweimal lebte" war schon der Höhepunkt der EP und sticht auch auf dem Longplayer positiv heraus, genauso eigenwillig - teils nervig - kommt "Detektive" daher. In "Die Hölle" haben sie sich mit elektronischen Klängen umwoben, das herrlich zum verstörend-packenden Text passt. "Schwarzer Qualm" ist ein kleiner Lichtblick im mechanisch-dunklen Klang und "Schaumbergs Vermächtnis" bildet den epochalen Schlusspunkt des neuen Albums.
Für diese Platte braucht der Hörer Zeit.
Zeit, die Wechsel zwischen Pop, Punk und Postrock zu erkennen und die komplette Fülle des Klangs einzusaugen. Zeit auch, das Album zu verstehen. Es wirkt groß und bedrückend und wahrscheinlich wollen die fünf Westfalen genau das. Man könnte seit Jahren den Begriff "Diskursrock" wieder aus der verstaubten Kiste graben und liegt damit vielleicht nicht ganz falsch.
"Jalousie" werden nicht alle mögen, da es so eigenwillig ist.
Andere kann es aber überzeugen, für die genau das das Richtige ist.
Am besten ist es wohl, sich davon her live zu überzeugen:

28.10. Essen - Zeche Carl
29.10. Bremen - Kulturzentrum Lagerhaus
30.10. Bielefeld - Forum
31.10. Kaiserslautern - Kammgarn
01.11. Wiesbaden - Schlachthof
02.11. Köln - Gebäude 9
03.11. Berlin - Frannz Club
04.11. Gießen - MUK
05.11. Stuttgart - Club Zwölfzehn
06.11. Wien - B72
07.11. München - Kranhalle
08.11. Dresden - Groovestation
09.11. Leipzig - Felsenkeller
10.11. Jena - Kassablanca
11.11. Hannover - Cafe Glocksee
12.11. Hamburg - Molotow
03.12. Münster - Gleis 22


Samstag, 13. August 2016

A Summer's Tale - Eskapismus in Reinform

So wird man in Luhmühlen begrüßt!
(ms) Gibt es etwas wie Liebe auf den ersten Blick?
Nach zwei Tagen auf dem A Summer's Tale Festival in der Lüneburger Heide ist die Antwort: Ja! Dabei standen die Vorzeichen nicht gut. Statt wie gewohnt zum Open Flair zu fahren, stand dieses Jahr etwas anderes an. Zudem war es klug, Schal und Mütze einzupacken. Im August.

Betritt man das Gelände des familiären Festivals, muss man sich zunächst orientieren. Denn es gibt zahlreiche Veranstaltungsorte. Das ausgefallene Musikprogramm war nur ein Teil davon, es reihten sich Lesungen an Yoga, Workshops, Bastelarbeiten, Kinderbetreuung, einem eigens aufgebauten Restaurant und vielen leckeren Essensständen. Zudem war das ganze Gelände so liebevoll und detailverliebt gestaltet, dass man gar nicht mehr weg wollte. Nachdem man sich zurecht gefunden hat, was dann sehr einfach ging, war es schlau, alles genießen zu können, was die Veranstalter sich ausgedacht haben, denn das war eine Menge. Zwischen einzelnen Programmpunkten musste man stets abwiegen, denn viel fand parallel statt und die beliebten Workshops wie Woodworking, Kalligraphie oder Käserei waren schnell ausgebucht.
Da fragt man sich, wer so ein Festival, das fernab von allen Rock'n'Roll-Mythen ist, besucht. Die Antwort ist so einfach wie schwer. Es sind finanzstarke Akademiker ab Mitte dreißig, manche ohne, viele mit Kindern, Studenten, Alt-68er und hauptsächlich verliebte Pärchen. Immerhin hat ein 2-Tages-Ticket schon 120€ gekostet, dabei war es jeden Cent wert!

Nachts: DJ-Programm mit träumerischen Lichtinstallationen
Das taktgebende Musikprogramm war am Mittwoch sehr ausgewogen. Wo Heather Nova und José Golzales eher langweilig und ermüdend waren, konnte man bei Jeremy Loops im großen Zelt richtig abgehen. Die Band - bis dato hier eher unbekannt - war dabei von der guten Laune im Publikum ebenso angefixt wie die Zuhörer selbst, große Stimmung! Den Abschluss bildeten an einem wirklich kalten, aber trockenen Abend Garbage. Druckvoller Sound, minimalistisches Bühnenbild, aber ein starkes Konzert.
All dies wurde am Donnerstag noch getoppt. Vermutlich habe ich noch nie einen Festival-Tag erlebt mit so vielen Künstlern, die mich seit Jahren begleiten und alle erinnerungswürdige Gigs ablieferten. Friska Viljor hatten sichtlich Probleme mit der Technik und ihren Gitarrengurten (Jesus-Tape hat geholfen), doch ihre gute Laune lassen sich die Schweden nie nehmen. Thees Uhlmann war sichtlich angetrunken, hat aber den "A-Summer's-Tale-Gefangenenchor" zum singen gebracht, obwohl es durchgehend geregnet hat, glücklicherweise war es nicht mehr so kalt. Bei Caravan Palace konnte man sich tanzwütig wieder aufwärmen, was für ein geiles Konzert! Dann kam der erste Höhepunkt: Glen Hansard mit Band, Streichern und Bläsern. Wie inbrünstig und leidenschaftlich er gespielt hat, war bemerkenswert. Ob orchestral mit gesamter Besetzung oder passioniert schreiend nur mit Gitarre und Kontrabass war egal. Da hat selbst der Regen kurz ausgesetzt. Und wenn es eine Band gibt, die auch zu unterhalten weiß und seit Jahrzehnten beinhart gute Musik abliefert, dann sind es Nada Surf. Sie betreten die Bühne und machen einfach nur Spaß! Großes Kino.
All das wurde dann aber noch gesteigert.
Denn als Headliner haben Sigur Rós ihr einziges Deutschlandkonzert gegeben.
Allein das fulminante Bühnenbild wusste zu erstaunen. Denn die Isländer spielen ihre aktuelle Welttour zu dritt, statt wie sonst mit großer Besetzung. So war die Bühne dreigeteilt für Bass, Gesang und Schlagzeug/Keyboard. Dahinter erstreckte sich eine riesige LED-Wand, davor eine zweite, die hoch und runter fahren konnte. Hinter dieser haben die drei Isländer angefangen mit zwei Songs und waren nur schemenhaft zu erkennen. Von Beginn an ein Konzert für alle Sinne, großartig. Den Rest der Show haben sie vorne gespielt, Jonsi mit Bogen an der Gitarre und der gewohnt hohen Stimme. Die bauten Klangwelten auf, waren laut, dann wieder minimal leise und verträumt. Songs wie "Vaka", "Festival" oder "Kveikur" wussten zu begeistern. Dazu wunderschöne Projektionen!
Die Band, die ausschlaggebend für den Besuch des A Summer's Tale war, hat alle Erwartungen erfüllt. Was für eine würdige Band für ein brilliantes Festival!

Die Organisatoren haben sogar am Donnerstag auf das miese Wetter reagiert, Feuerkörbe aufgestellt und Glühwein ausgeschenkt. Das Festivalgetränk 2016!

Sound und Licht vereinen sich bei Sigur Rós!

Mittwoch, 10. August 2016

Razz - von der Schulbank auf die große Bühne!

Quelle: www.razz-music.com
(mm) Sigmaringen. August. Summernights. Vorher noch nichts davon gehört, aber dank der luserlounge doch mit vor Ort. Geniales Festival. Ich möchte aber gar nicht mit den Einzelheiten zu allen Bands langweilen, denn einen wunderbar treffenden Bericht gibt es hier schon. Mein Fokus gilt heute meinem persönlichen Überraschungsgig: RAZZ


Von zwei Bands wusste ich, dass es großartig wird, zwei weitere kannte ich vom Namen, hatte aber noch nichts von ihnen angehört. Was allerdings RAZZ da auf die Bühne legten, hab ich so nie und nimmer erwartet. Bis dato eine für mich vollkommen unbekannte Band, weder der Name geschweige denn ihre Musik sagte mir was. Aber wie so oft durfte ich mich eines Besseren belehren lassen. 

Was die vier Emsländer da auf die Bühne legen, ist faszinierend. 2011 gegründet, stehen sie 5 Jahre später schon auf zahlreichen Festival-Bühnen wie zum Beispiel beim Hurricane, Southside, Kosmonaut oder dem Deichbrand Festival - und das nicht zu unrecht. Man sieht sie beim Soundcheck und denkt sich „Joah, Schulband mit Talent, kann gut werden“. Dann aber geht‘s los. Niklas Keiser hat eine Stimme, die viele in den Schatten stellt und wenn man ihn nicht sieht, glaubt man nicht, dass da ein 18-Jähriger steht. Eine beeindruckende Stimme, die entfernt erinnert an...  ja, an wen eigentlich...? Spontan fällt mir 30 Seconds to Mars ein, aber durch das leicht rauchige auch irgendwie Kurt Cobain. Jedenfalls klingt sie nach jahrelanger Musikerfahrung und macht Lust auf mehr Songs. Dazu kommen noch die Gitarren- und Bassklänge von Christian Knippen und Lukas Bruns, sowie ein kräftiges Schlagzeug aus dem Background, an dem man Steffen Pott finden kann. Fertig ist eine Mischung aus Indie, Alternative und ein klein wenig Grunge. Man kann es nicht richtig festmachen oder einen Stil festlegen. Fest steht, dass hier etwas ganz Großes lauert. 

Quelle: www.razz-music.com
Das im Oktober 2015 erschienene Debüt-Album „With your Hands we’ll Conquer“ ist ein durchwegs
gelungenes Werk mit Stücken, die einen mitreißen. Den Einstieg macht „Black Feathers“. Dieses Lied hat mich schon auf dem Summernights Festival am meisten begeistert und ist auch jetzt mein absoluter Favorit, da es zwischen ruhigen Passagen und ordentlichen Krachern hin- und herschwenkt. „Youth & Enjoyment“, heißbegehrt auf Youtube und in den Amazon Rankings, geht ebenso gut runter und bietet ein super Sprungbrett über „Broken Gold“ zu „Postlude“ - einem weiteren Juwel auf der Platte. Insgesamt kann ich mich gar nicht weiter auf Highlights einschießen, es ist einfach in sich so rund und toll, dass ich einfach nur jedem empfehlen kann, sich das gute Stück einfach mal anzuhören und zu genießen.

Ich jedenfalls freue mich darauf, auch in Zukunft von den Jungs zu hören und sie hoffentlich auch bald mal wieder live zu sehen - dann hoffentlich aber mit einer längeren Bühnenzeit als 30 Minuten. Die waren nämlich für meinen Geschmack viel zu kurz.