Freitag, 28. April 2017

Live: GHvC-Nacht in Osnabrück

Unscharfe Bilder sehen in s/w immer besser aus. Foto: luserlounge
(ms) So lief die Planung im Hamburger Büro beim Grand Hotel van Cleef in etwa ab:
A: "Hast du auch schon so mega Bock auf unsere Geburtstagssause im August?"
B: "Logo, Tickets werden ja langsam auch knapp."
A: "Wahnsinn, aber wir kommen ja so rein, stehen ja auch auf der Bühne."
B: "Stark! Für meine Verhältnisse kommt das Event im Sommer so aus dem Nichts. Da fehlt was..."
A: "Hast auch wieder Recht. Vielleicht ein gemütlicher Gig in der Provinz im Frühling?!"
B: "Sehr gut! Da steh ich gerade im Tourkalender, dass der geschätzte Kollege Patrick Richard ja gerade unterwegs ist. Und da, Stefan Honig ist Support von Hello Piedpiper. Und, halt dich fest: Spaceman Spiffs zweiter Teil der Drüben im Park-Tour startet auch."
A: "Ja klar, haben wir ja alles verfolgt oder gebookt. Und nu?! Da gibt's null Überschneidung."
B: "Dann schaffen wir halt eine. Zum Spaceman-Tourauftakt holen wir den Rest auch nach Osnabrück."
A: "Nach Osna?! Bist du verrückt, lieber Münster oder Bielefeld wenn du schon in Westfalen bist."
B: "Nee, neee. Osna ist gut. Ich mache das schon, vertrau mir, das wird spitze!"
A: "Na jut... dann mach mal!"

Keiner hat gelogen. Es war spitze!
Nur Patrick Richard hatte die etwas undankbare Aufgabe den Abend nur vor ein paar anscheinend handverlesenen Menschen zu eröffnen. Ganz so leer bleib es aber nicht in der Kleinen Freiheit. Die, die früh da waren, wurden schon mit herrlichen Liedern und schönen Ansagen belohnt. Er freute sich sichtlich wieder mal solo zu spielen (wird im September fortgesetzt). An Gitarre, Keyboard und Ukulele und ohne Band zog er die aufmerksamen Zuhörer schnell in den Bann und schenkte ihnen einen feinen, leisen Song zum Schluss unter den Gekommenen: Die Gänsehaut bei allen war spürbar.
Und sollte noch gesteigert werden. Die wunderbare neue Scheibe von Hello Piedpiper haben wir hier schon besprochen. Nur zu viert (Stefan Honig an der Gitarre) haben sie es tatsächlich geschafft mit ihren Instrumenten, Effekten und Loops den irren Sound vom Album auf die Bühne zu heben. Pathetisch aber wahr: Wer das verpasst, ist selber schuld. In dem knapp einstündigen Set haben sie auch ausschließlich Lieder von "The Raucous Tide" gespielt. Ein Genuss für jeden Musikliebhaber und der musikalische Höhepunkt des Abends!
Der Abend wurde dann von Hannes und Clara aka Spaceman Spiff gekrönt. In Hamburger-Singer-Songwriter-GHvC-Kreisen genießt er schon fast einen jungen Kultstatus und erfüllt jede Erwartung, die an ihn herangetragen werden: Humor, Menschlichkeit, feine Musik, entspannte Ansagen, Schulterblessur beim Fußballspielen. Im kurzen Set kamen Klassiker wie "Teesatz", "Han Solo", "Photonenkanonen" und "Egal" ebenso zur Geltung wie das noch unveröffentlichte "Norden".

Es war einfach nur schön. Drei Stunden herrlicher Musikgenuss.
Es hätten jedoch noch gut und gern doppelt so viele Leute kommen können...







Dienstag, 25. April 2017

Electro und Synthie: Neues von Captain Capa und Trains On Fire

Captain Capa. Foto: Timo Roth.
(ms) Es gibt neuen Stoff für euren Plattenteller!
Denn sowohl Captain Capa als auch Trains On Fire bringen am Freitag neue Alben raus, die beide vielleicht mit den gleichen Instrumenten aufgenommen worden sind, jedoch in zwei unterschiedliche Richtungen gehen. Unsere Doppelrezension:

Captain Capa - "This Is Forever"

Entgegen den meisten Veröffentlichungen auf ihrem Heimatlabel Audiolith, die kantiger und direkter sind, ist die neue Scheibe von Captain Capa ein Synthiepop-Ungeheuer. Und das im allerbesten Sinne. Es hat sich nach dem Besetzungswechsel und der "Death Of A Hydra"-Ep schon angekündigt. Jetzt wurde ein 14-Track-starkes Album draus.
Und entgegen der Annahme, dass es eine lockere und weichgespülte Platte ist, die mal ebenso nebenbei weggehört wird, geht es sehr facettenreich zu. Der Pop-Kitsch wird auf der einen Seite genauso derbe abgefeiert wie die druckvolle Nutzung von Schlagzeug und Gitarren. Diese sehr breite Aufstellung tut dem Album sehr gut, es wird nie eintönig, schon gar nicht langweilig; eher komplex. "Vantaheart" startet mit einer catchy Line, fährt dann runter, um mit einem technolastigen Beat wieder aufzudrehen und auch keinen Halt davor macht, Stimmen nach unten zu verzerren. "O O O" kommt hingegen so frech-fröhlich und unbeschwert daher, dass es einen guten Gegensatz zu dem ein oder anderen dunklen Beat bildet. Die Single "Fever" ist jedoch eines der eher schwächeren Songs auf "This Is Forever", weil sehr poplastig mit Mitsingphasen. Verspielt und ruhiger geht es dann auf "Judd Apatow Lied To Me" zu; allein der Titel ist klasse.
Zusätzlich zum Album gibt es die oben genannte EP oben drauf, sodass der neuste Streich von Captain Capa bei einer Spieldauer von ca. 72 Minuten liegt. Laut und mit viel Bass aufgedreht ist "This Is Forever" ein großes Vergnügen, animiert umgehend zum Tanzen und ausflippen.
Hier spielen die Jungs bald live:

05.05.17 - Leipzig - Werk 2
12.05.17 - Berlin - Musik & Frieden
13.05.17 - Hamburg - Molotow
19.05.17 - Düsseldorf - FFT
20.05.17 - Nürnberg - Club Stereo
26.05.17 - Chemnitz - Atomino



Trains On Fire - "The Wheel"


Richard und Christine-Marie. Foto: Jan-Philipp Gehrcke
Wem Captain Capa zu disco-poppig ist, der sollte an diesem Freitag bei Trains On Fire zuschlagen, die über Ballroom Records ihr Debut "The Wheel" unters Volk mischen. Trains On Fire sind keine fiesen Brandstifter sondern Richard Fritzsche und Christine-Marie Günther, die auf neun Tracks ein dunkles Synthie-Industrial-Inferno abfeuern. Huch, also doch Brandstifter. Jedoch im allerbesten Sinne! Denn auf dieser Platte gehen auch endlich zwei Träume in Erfüllung. Richards: Mit dem eigenen Projekt, das er vor sieben Jahren solo startete, ein Album veröffentlichen. Christine-Marie: Neben dem Schauspielstudium selbst Musik zu machen und auf Tour zu gehen.
Ähnlich wie beim Electro-Duo Blondage teilen sich beide die Gesangparts. Anders als beim obrigen Album, setzen die beiden auf ausgedehnte Klangteppiche statt auf einzelne Hooks, was hervorragend funktioniert. Es erinnert in der Ferne an The XX oder She Wants Revenge. Der Titeltrack (siehe Video unten) beispielsweise lässt Bilder von stillgelegten Industrieflächen entstehen, wo sich jemand verlaufen hat (im Gegensatz zum Bewegtbildmaterial). Volume hoch und mit viel Bass, lädt "Castle" ein sich im Sound zu verlieren; neben den Electro-Klängen betört zum Ende auch verzerrter Gitarrensound. "Honey" hingegen schaltet einen kleinen Gang runter, bis "Alan Alan" wieder richtig aufpusht. Das ist gleichzeitig ein altes EP-Lied, das in neuem Gewand hier erscheint. "XX" rundet das Debut sphärisch-verträumt ab, dass der Hörer im Nu geneigt ist, schnell wieder auf Play zu drücken.
Es sind neun Songs, gut vierzig Minuten, die im Detail sehr vielseitig sind. Das Album braucht drei, vier Durchgänge, um es komplett zu erfassen. Man würde es sich zu einfach machen und nach dem ersten Reinhören schlicht als "gut" zu bezeichnen; mit jedem Durchgang wird es grandioser.


Hier sind die beidem bald unterwegs:

22.04. – GrooveStation - Dresden
29.04. – Retronom - Erfurt
04.05. – Centralstation - Darmstadt
06.05. – Live Club - Bamberg
10.05. – Café Singer - Basel (CH)
13.05. – Noch Besser Leben - Leipzig

Mittwoch, 19. April 2017

Tom Schilling & The Jazzkids - "Vilnius"

Tom Schilling (r.) und seine Jazz Kids. Foto: Alexandra Kinga Fekete 
(ms) Oh Boy!
Singende Schauspieler. Wir müssen darüber sprechen. Einige haben sich da nämlich ganz üble Fehltritte erlangt. Tom Schilling nicht, keineswegs; das hier besprochene Album ist wirklich stark, darf aber auch in diesem Horizont gesehen werden und: Wird so noch besser!
Jan Josef Liefers verlief sich so in seinem ostlagischen Rockimage, dass es gehörig wehtut. Axel Prahl, der kongeniale Kompagnon, macht auf Norden und dudelt etwas durch die Gegend. Und hat hier gerade jemand den Namen Matthias Schweighöfer genannt? Ich will hoffen, nicht.
Einer sticht heraus, der es schauspielerisch auch mit Tom Schilling aufnehmen kann - oder besser: der ihm etwas enteilt ist, weil begnadet gut: Ulrich Tukur. Er mag der einzige Schauspieler sein, der sowohl seinem Hauptmetier begnadet nachgeht und nebenbei passabel im Sinne Max Raabes musiziert und immerhin auf Trocadero veröffentlicht!
Glücklicherweise hat sich Tom Schilling trotz 20er-Jahre Kleidungsstil, oh Boy, für ein anderes Genre entschieden, in dem es nicht so nostalgisch zugeht wie bei Tukur. Auch mit mehr Tempo, Gitarre, Rhythmus. Von allem etwas mehr. Und wäre der Sänger Tom Schilling nicht auch der Schauspieler Tom Schilling, würde er ein paar Etablierten des Musikkosmos' ein wenig ans Bein pinkeln. Kante. Oder Element of Crime. Oder Nick Cave. Oder allen drei gleichzeitig!



Also Tom Schilling macht jetzt Jazz?
- Ne, wieso?!
Na, weil die Band doch so heißt!


Die Kombination aus Schilling und seiner Band hat einen filmischen Hintergrund: "Oh, Boy"! Seine Band, die es damals noch nicht war, hat den Score für den herrlichen Schwarzweißfilm eingespielt. Für die Produktion der zehn Songs für die etwa halbstündige Platte haben sie auch niemand geringeren als Moses Schneider engagieren können.
Die zehn schnellen, kurzweiligen und herzzerreißend schönen Songs sind sowohl für verrauchte Eckkneipen gemacht, in denen Fusel gesoffen wird und genauso für die Theaterbühne, die Schilling wie kein zweiter seit seinem sechsten Lebensjahr kennt.
Ja, es sind Liebeslieder, sie sind persönlich, emotional, nahegehend. Dabei nicht stets positiv gestimmt. Schmerz, Trennung, das Ende einer Liebe sind hier genauso Gegenstand der Texte. Der schroffe, aber genaue Sound der Band untermalen diese Gefühlsschwankungen. Es ist zu bemerken, dass bei den Aufnahmen ausnahmslos Kontra- statt E-Bass gespielt wurde und es war eine kluge Entscheidung, denn dieses eine Instrument verleiht der Platte so viel Wärme und Groove, dass es kaum zu fassen ist!
Es gibt ein Duett ("Ja oder Nein"), eine Coverversion ("Kinder" im Original von Bettina Wegner), ein schaudernd-dunkles Ende ("Kalt ist der Abendhauch") und ein Beinahepolkalied ("Ballade von René"). Die Stücke hat - klar, bis auf das Cover - Schilling alle selbst geschrieben. Elf Jahre lang hat er die Texte gesammelt, daran geschliffen und sie perfektioniert. Seine Bildung, seine Passion zum geschriebenen, poetischen, dramatischen Wort kommt in und zwischen jeder Zeile deutlich zum Ausdruck. Die Fähigkeit, richtig zu akzentuieren, hat er durch die Theatererfahrung angehäuft, das ist klar. Daraus jedoch ein Musikalbum zu machen ist Kunst.
"Vilnius" ist nicht nur ein herausragendes Album, sondern es legt auch die Messlatte für alle anderen deutschsprachigen Indie-Folk-Alben dieses Jahr erschwindelnd hoch!




Hier spielt Schilling mit seinen Jazz Kids demnächst:

02.05. - Hannover - Musikzentrum
03.05. - Münster - Gleis 22
04.05. - Leipzig - UT Connewitz
05.05. - Gera - Songtage
07.05. - München - Strøm
08.05. - Heidelberg - Karlstorbahnhof
09.05. - Frankfurt - Brotfabrik
10.05. - Köln - Stadtgarten
11.05. - Hamburg - Nochtspeicher
12.05. - Berlin - Columbiatheater

Dienstag, 11. April 2017

Joep Beving - "Prehension"

Copyright: Rahi Rezvani für Deutsche Grammophon
(ms) Reine Piano-Alben sind nicht zwingend das, was wir normalerweise rezensieren. Doch bei Joep Beving (gesprochen "Juhp") machen wir eine kleine, begründete Ausnahme. Diese hat drei Phasen: Biographie des Musikers, Qualität des Albums und Einbettung in einen größeren künstlerischen Kontext.

Phase eins: Denn erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Joep war immer schon Musiker, als Kind und Teenager hatte er die ersten Erfahrungen gesammelt, allein und auch vor Publikum. Er spielte Jazz, wollte professioneller Musiker werden. Was fehlt dafür? Genau, es Studium am Piano. Gesagt getan und alles sah sehr gut aus, bis er sich eine komplizierte Verletzung am Handgelenk zugezogen hat und gezwungenermaßen den Traum (vorerst) an den Nagel hängen musste. So studierte er Wirtschaftswissenschaften - wie dröge im Gegensatz zum schönen Klavier - und arbeitete lange in der Werbewelt. Spätestens seit Frédéric Beigbeders "39,90" und dem herrlichen Film dazu, wissen wir, wie es da abgeht. Werbemusik entfremdet sich und das Genre selbst, was Beving mit der Zeit auf den Zeiger ging.
Parallel zum Job spielte er weiter in unterschiedlichen Kreisen und auch Solo Klavier, Keyboard, Jazz. Leidenschaft halt. Doch so richtig fand er sich selbst in diesen Projekten nicht wieder.
Das änderte sich, als er nur noch den reinen, puren Pianosound für sich sprechen ließ. Unter Freunden und bei einer Beerdigung - geht es anmutiger? - spielte er seine Songs. Die Rückmeldungen befeuerten seine Sehnsucht nach einer eigenen Platte. Und die kam.
Die lief so gut, dass jetzt die zweite ansteht.

Phase zwei: Das neue Album heißt "Prehension" und kam letzten Freitag auf dem großen Label Deutsche Grammophon heraus. Sollte man seine Musik als Neo-Klassik bezeichnen, muss man auch über die anderen Genre-Größen wie Hauschka sprechen. Oder nicht?! Der hat zwar vor kurzer Zeit auch ein neues Album ("What If? via City Slang) veröffentlicht, spielt aber grundsätzlich andere Musik mit dem präparierten Klavier. Joep Beving ist da Purist, braucht den Schnickschnack mit Rhythmuseinheiten im Klavierrumpf nicht. Und so entstanden 15 Tracks, die gut eine Stunde gehen und kleine Geschichten erzählen, wenn der Hörer es zulässt. Es mag anfangs etwas eingängig und langweilig erscheinen. Doch die sanften, leisen, klaren Töne projizieren zwangsläufig Bilder, bei jedem andere. Dabei lässt sich ein melancholischer Unterton nicht leugnen, traurig macht die Musik jedoch nicht.
"Ich schreibe einfach, was mir schön erscheint, wobei ich viele Noten weglasse, mithilfe meines Instruments eine Geschichte erzähle und versuche, uns mit etwas zu verbinden, das schlicht, ehrlich und schön ist". Besser als der Künstler hätten wir es auch nicht ausdrücken können.

Phase drei: Was fehlt noch?! So etwas wie eine Singleauskopplung. Doch dass seine Songs nicht im Ottonormalradio gespielt werden, versteht sich einigermaßen von alleine. Daher ein schöneres, cineastisches Projekt. Er nutzte seine Musik, um einen Kurzfilm damit zu begleiten. Hier seht ihr ihn, es lohnt sich, kurz darauf einzugehen! Die graue Welt, in der definitiv etwas schief läuft, ist faszinierend.
Ansonsten legt euch "Prehension" von Joep Beving zu, um dem Chaos und Stress da draußen mindestens für eine Stunde zu entkommen. Es funktioniert.



Und hier spielt er bald live:
20.04. - Berlin - Grüner Salon in der Volksbühne
20.05. - Utrecht - Tivoli Vredenburg
25.06. - Beuningen - Down The Rabbit Hole

Dienstag, 4. April 2017

Wille & The Bandits - "Steal"

Wille & The Bandits
(ms) "Bleibt alles anders."
Das hat zwar einst Herbert Grönemeyer gesungen, stimmen tut der Satz aber auch für viele andere. Diese Worte beschreiben gut ein optimistisches Nach-vorne-gucken, immer eine gewisse Basis zu behalten und darauf flexibel zur Sache zu gehen, neue Wege ausprobieren. Auch mal zurück rudern, wenn es nicht passt. Aber meistens passt es halt ja.
Dazu gehört auch - wir sprechen hier ja über Musik - sich auf seine Stärken und Tugenden zu berufen. Und wenn wir hier mal wieder Rockmusik behandeln, dann heißt das natürlich und ganz ohne Umschweife: Gitarre spielen. Oder - um direkt bei Wille & The Bandits zu landen - Gitarren zu spielen. Denn dieses Trio klingt wie eine große, fulminante Band und sicher wollen sie es auch genauso.
Will Edwards, Kopf der Bande, ist Gitarrenvirtuose. Anders kann man es gar nicht ausdrücken, kann akustisch genauso billiant wie verstärkt und wenn er darauf keine Lust hat, spielt er auch eine Dobro, eine sogenannte Resonatorgitarre, für alle, die es wissen wollten. Matt Brooks ist für die Bassläufe zuständig und gibt sich mit nichts unter fünf Saiten zufrieden. Unermüdlich trommeln tut dabei Andy Naumann.
So viel bleibt gleich.
Neu beim vierten Album der Briten ist dennoch eine Menge. Für einige Stücke von "Steal" haben sie niemand geringeren als Don Airey von Deep Purple an den Keyboards für die Aufnahmen hinzugewonnen. Das macht den klassischen Rockklang breiter und ergänzt ihn mit einer gehörigen Portion Groove.



Ihre ersten drei Alben haben sie in Eigenregie ans Licht der Welt gebracht. Für "Steal" haben sie einen Vertrag bei Jigsaw unterschrieben. Die neue Platte hat nur neun Stücke, doch geht sie fast eine dreiviertel Stunde lang und liefert dem Hörer allerbesten gitarrenlastigen Bluesrock mit Latin- und Folkelementen.
Direkt in den ersten Tönen bei "Miles Away" zeigen sie, woher der Hase läuft. Doch dass sie auch leise können, legt "Scared of the Sun" dar. Klar, im Refrain geht es dann auch wieder etwas zur Sache, doch das Lied macht "Steal" erfrischend abwechslungsreich. In "Atoned" ist nicht nur das derbe genaue E-Gitarenspiel ein Kracher, sondern die parallel verlaufenden Basslinien lassen den geneigten Musikliebhaber dahinschmelzen: Stark! Der letzte Song, "Bad News" ist vielleicht das Herz des Albums: catchy! Der Titel spricht wahre Worte: Schade, dass die neun Lieber vorbei sind, herrlich kurzweilig war's!
Kein Wunder, dass die drei sich in Jahren voller Livekonzerte ein treues Publikum erspielt haben: 200 bis 250 Gigs pro Jahr sind das Ergebnis: Beeindruckend!
Auch im Mai sind sie dann wieder in unseren Regionen zu sehen. Von YouTube-Mitschnitten kann man sich anfixen lassen, live dabei zu sein hat aber ein ganz anderen Kaliber. Wir haben schon vor zwei Jahren darauf hingewiesen ;-)

Hier halten Wille & The Bandits:

01.05. - Lübeck - Treibsand Festival
02.05. - Unna - Lindenbrauerei
03.05. - Düsseldorf - Beim Pitcher
04.05. - Tilburg - Paradox
05.05. - Hildburghausen - Route 66
06.05. - Arnstadt - Rock Jungfer
08.05. - Berlin - Quasimodo
09.05. - Ingolstadt - Blues Festival
10.05. - München - Rattlesnake Saloon
11.05. - Wien - Reigen
15.05. - Salzburg - Rockhouse
17.05. - Hamburg - Downtown Bluesclub
19.05. - Leipzig - NAUMANNs
20.05. - Wredenhagen - Scheune
29.05. - Reutlingen - Franz.K
31.05. - Eppstein - Wunderbar Weite Welt
01.06. - Leverkusen - Topos

Montag, 3. April 2017

Kreidler - "European Songs"

Kreidler. Foto: Chrisa Ralli & Melina Pafundi
(ms) Während das Radio belanglos wie eh und je vor sich hinplätschert, entdecken andere Musikgenres ihr Potential an Aktualität und Aussagekraft. Oder es wird wiederentdeckt. Der Punk ist nicht mehr so laut wie vor zehn Jahren, er ist immer noch links und gegen Nazis, aber ihm wurde das Heft aus der Hand gerissen. Hauptsächlich vom Rap und HipHop, der mit Vertretern wie der Antilopen Gang, Zugezogen Maskulin, Neonschwarz, Waving The Guns und Sookee kräftig auftrumpft und Stellung bezieht.
Ihr Vorteile liegen dabei klar auf der Hand: Sie sind gut organisiert, nicht jeder neue Song muss auf einem Album landen, ein Video ist schnell gebastelt, sie sind digital vernetzt und erreichen in wenigen Tagen eine große Reichweite. Sie peitschen gegen Höcke, le Pen, Wilders, Orban und Co. mit viel Text; mitunter mit viel Aggression.
Dass politisch-musikalischer Widerstand auch anders aussehen kann, beweisen die elektronischen Veteranen Kreidler dieser Tage. Ihr 13. (!) Album "European Songs" erscheint am Freitag über Bureau B. Doch wie kann Musik, die ohne Text auskommt, politisch sein?



Das ist natürlich nicht so einfach und schnell zugänglich wie ein dichter Text im Rap, der dem Hörer sehr direkt entgegenschlägt.
Zum Einen muss hier der Entstehungsprozess der fünf-Song-kurzen Albums getrachtet werden. Denn im Herbst letzten Jahres - die vierköpfige Band kam gerade von einer kleinen Tour zurück - war eigentlich alles klar. Neues Material stand bereit, der Termin zum finalen Mastering gebucht; alles sieht gut aus.
Bis auf das Ergebnis der Wahl in den USA. Zwei Millionen Stimmen weniger als die Konkurrentin bescheren der irren Frisur mit handfesten Nationalisten im Rücken den Chefsessel im Oval Office. Was er bislang alles angestellt hat, ist bekannt. Nebenbei pöbelt Putin. Es schreit und hetzt und lässt verhaften Erdogan so gut es geht. Die Briten sind raus aus der Europa, Orban hat sich abgeschottet, le Pen wettert gegen alles Fremde. Modi in Indien baut den Statt um. Das einzige Trostpflaster: Wilders hat in den Niederlanden nicht so stark abgeschnitten wie befürchtet.
Wie als Band auf diese internationalen Bewegungen reagieren, auf die man skeptisch schaut?
Kreidler gehen einen radikalen Weg, veröffentlichen die Platte nicht wie gewollt; schließen sich in den Proberaum ein, verschieben den Master-Termin und legen los, improvisieren. Das Ergebnis sind folgende Songs: Boots, Kannibal, Coulées, Radio Island und No God = gut 35 Minuten Musik.
Diese Lieder sind Kunst, vielleicht Avantgarde und stehen klanglich - wie könnte es anders sein, wenn man aus Düsseldorf kommt - Kraftwerk nahe.
Und sie sind alle düster. Vielleicht sehen sie alle das Schlimmste kommen, eine politische Umkrämplung in Europa. Ein dystopisches Soundgewand scheppert aus den Boxen, wenn Schlagzeug, Gitarre und Synthesizer erst richtig loslegen. Als Momentaufnahme ist es herausragend, man muss sie alle nacheinander, komplett hören, es lohnt nicht, jeden einzelnen Song auseinanderzunehmen. Das ist ein Gesamtwerk, das toll funktioniert, bei dem man auch etwas Angst bekommen kann.
Doch: Brauchen wir dieser Tage nicht eher Hoffnung, Zuspruch wie die jüngste Pro-Europa-Bewegung? Klar.
Es ist jedoch genauso gut verständlich, dass das Klein, Weinrich, Paulick und Reihse letztes Jahr nicht als erstes in den Sinn gekommen ist.
Kreidler. Euopean Songs. Ganz stark!

Hier spielen sie live:

17.05 - Leipzig - Conne Island
18.05 - Berlin - Kantine am Berghain
01.05 - Köln - Kulturkirche
02.06 - Schorndorf - Manufaktur
03.06 - Offenbach - Hafen 2
06.06 - Bielefeld - Kunsthalle (Reihe Geschwätz)
09.06 - Belgrad - Brugstore Beograd
10.06 - Skopje - Zdravo Mladi Festival
15.07 - Puch (bei München) - Puch Open Air
05.10 - Hamburg -Hafenklang

Freitag, 31. März 2017

Claire - Tides



Albumcover "Tides"
(sf) Nur ein Jahr nach Bandgründung landeten CLAIRE aus München mit ihrem Debüt “The Great Escape” (VÖ 2013) direkt auf Platz 38 der Deutschen Albumcharts und etablierten sich so bereits als einer der aufregendsten Newcomer-Acts Deutschlands. Es folgten Support-Shows u.a. für WOODKID und BASTILLE, eine restlos ausverkaufte Deutschlandtour, aber auch internationale Auftritte wie beim renommierten Kunst- und Musikfestival „SXSW“ in Austin oder beim New Yorker “CMJ Festival”. Für ihr zweites Studioalbum “Tides” kooperierte die Band u.a. mit Produzent Dave McCracken (Depeche Mode, Florence + The Machine). Ab 07.04. ist das Album erhältlich, wir haben heute schon mal für Euch reingehört.

Elektropop klingt ja zunächst mal nicht so sexy und arg nach 80’s, dazu noch die Info, dass die Sängerin einst bei einer Casting-Show mitgemacht hat – was kann man da schon erwarten? Aber hey, Klischees sind da, um sie zu kicken und CLAIRE gelingt es schon beim Album-Opener „Friendly Fire“, meine Füße und Hüfte in Bewegung zu versetzen. Glaubt mir, ich bin überzeugter Nichttänzer, aber ja, das gefällt mir. „End Up Here“ kannte ich vorher schon und fand es von Beginn an geil – sehr sphärisch, sehr atmosphärisch, sehr eingängig. Die Stimme von Josie-Claire Bürkle veredelt die Klänge ihrer vier Mitstreiter perfekt und verleiht dem Sound den noch fehlenden Schliff. Das ist großes Synchronschwimmen, echt.

Ich würde jetzt lügen, wenn ich behauptete, dass mir jeder Song des Albums voll zusagt, aber insgesamt bin ich megaüberrascht, dass ich mit „Tides“ als Gesamtwerk so viel anfangen kann. Für mich lebt Musik von Gitarren und/oder guten Texten - Erstere kommen selten vor, auf Zweitere habe ich bisher nicht geachtet, aber das Gesamtbild ist verdammt stimmig und den Münchnern gelingt es durchgängig, mich als kritischen Hörer zu fesseln. Wie konnte das nur geschehen?

Foto: Christoph Schaller (Universal Music)
Auf „Tides“ kreieren sich CLAIRE ihre eigene Soundwelt. Nachdem dem Quintett während seiner
UK-Konzertreise im September 2014 in London der Bandbus samt komplettem Equipment gestohlen wurde, geht man mit frischen Inspirationen neue Wege und hat Software gegen Hardware, und digitale Rechner gegen analoge Synthesizer ausgetauscht. Konsequenz: ein organisches, warmes und kantigeres Klangbild. „Wir arbeiten heute auf eine komplett andere Art, als auf unserem Debüt“, erklärt Keyboarder Nepomuk Heller. „Wir haben mit diesen alten Maschinen sehr viel rumgetüftelt. Alles braucht viel länger, als auf digitalem Weg. Doch auf diese Art muss man sich gezwungenermaßen sehr viel Zeit für ein Lied nehmen und sich viel intensiver mit den Stücken beschäftigen, als wenn die Songs am Rechner entstehen. Wir haben uns die Zeit genommen, die Songs reifen und sich entwickeln zu lassen; ihnen Luft zum Atmen gegeben. Es war uns wichtig, ein Stück eine gewisse Zeit liegen zu lassen, um es dann mit ‚neuen Ohren‘ zu hören. Dafür klingt heute alles lebendiger und echter. An einigen Stellen rauscht und brummt es; wir haben diesmal viele Fehler und Nebengeräusche einfach drin gelassen, weil sie den besonderen Charakter des Albums ausmachen.“

Da hat er Recht, der gute Mann. Das klingt gut, das klingt charismatisch und das ist kaufenswert!

In Kürze habt Ihr zudem die Möglichkeit, CLAIRE auch live zu erleben:

27.04.2017   Frankfurt – Zoom
28.04.2017   Köln – Luxorbereits
29.04.2017   Dresden – Beatpol
01.05.2017   Leipzig – Naumanns
02.05.2017   Hamburg – Mojo Club
03.05.2017   Berlin – BiNuu
05.05.2017   München – Muffathalle
06.05.2017   Stuttgart – Im Wizemann Club
08.05.2017   Nürnberg – Hirsch
11.05.2017   Mannheim – Feuerwache
12.05.2017   Regensburg – Mischwerk