Donnerstag, 21. September 2017

Louka - "Lametta"

Foto: Sophie Kirsche
(ms) Wie macht man eigentlich Karriere im Musikbusiness? Wie schafft man es nach oben, auf die großen Bühnen, oben rein in die Verkaufszahlen, ins Gespräch bei der Arbeit oder beim Feierabendbier? Wie wird man relevant, vielleicht sogar selbst zum Einflussfaktor?
Da wir natürlich alle nur Fans und keine professionellen Musiker sind, müssen wir diese Frage weitergeben. Eine passende Antwortgeberin dieser Tage könnte Louka sein. Die junge Wahlberlinerin bringt am Freitag ihr Debutalbum "Lametta" raus, geht auf große Tour. Über sie haben wir schon berichtet, als sie im Frühjahr ihre EP Flimmern veröffentlichte.
Drei der "alten" Songs haben es auf den Langspieler geschafft, zehn weitere Lieder gesellen sich hinzu und ergeben ein wunderbar harmonisches Gesamtbild. Trotz der ziemlich poppigen Produktion ist es für den nächsten Karriereschritt auch von Vorteil auf gewissen Festivals oder Veranstaltungen zu spielen. Dazu gehört unter anderem das Hanse-Song in Stade; Louka war diesen April dabei! Zudem ist es nie verkehrt eine Plattenfirma wie Four Music im Rücken zu haben, die an der ein oder anderen Schraube drehen können. Zum Beispiel das Spielen und Hören im Radio!
Worum geht es nun in den Texten von Lametta? Sicher nicht um die besten Hommagen an Loriot oder der kongenialen Erfindung von Dittsche - die Lametta-Hose - die im Winter warm ist und in den Sommermonaten erfrischend wirkt.
Es geht gefühlvoll zu, aber nie kitschig. Es geht um innere Stärke, aber es wird nicht therapeutisch. Es geht auch um Liebe und Emotion, aber nicht im Telenovelastil. Gesammelt hat Louka die Basis ihrer Texte in vielen Kladden, von denen sie immer eine mit sich herumträgt und mit wachen Sinnen durch den Tag schreitet, Geschichten, Begegnungen und Gedanken aufschreibt. Aus dieser angewachsenen Bibliothek schöpft sie, um ihre Songs zu formen und verfeinern wie ein guter Koch, pardon, eine gute Köchin.
Neben Lob, welches gleich kommt, gibt es für den Titel Berlin Berlin schon mal eine Watschn. Es gibt wahrscheinlich keine Stadt, die seit ein paar Jahren mehr nervt als Berlin, auch wenn es als Musikerin nicht blöd ist, dahin zu ziehen.



Wenn ich mit dir bin überzeugt schon mit dem energievollen Beginn für dieses Liebeslied: "Wenn wir uns sehen, geht ein Leuchten auf". Der Song strotzt vor Entschiedenheit, aber auch die Zerbrechlichkeit hinter der rosaroten Brille ist zu erahnen. Bei Outro gibt es einen schönen Soundeffekt zum Ende hin, denn dort ist ein Knacken oder Knistern zu hören, das an das Abheben der Nadel beim Vinylhören erinnert oder das Erreichen der A- oder B-Seite: sehr filigran! Der Refrain von Vorübergehen hat enormes Ohrwurmpotential. Der muss fürs sichere Beherrschen jedoch öfter gehört werden, denn Louka entfaltet hier ihren eigenen Gesangsstil, der von abrupten und unerwarteten Pausen, viel Kraft und Geschmeidigkeit geprägt ist. Regen erinnert an Enno Bungers Hit, denn auch hier ist mit dem nassen Niederschlag von oben eine nachdenklich-melancholische Grundstimmung verbunden: Dennoch oder gerade deswegen sehr schön. Utopia, das vorletzte Lied auf diesem sehr runden und gut abgemischten Album, ist kurz vor Schluss ein toller Höhepunkt. Zerbrechlich wie eine Wunschvorstellung für die Zukunft beginnt auch dieses Lied, bis es im Verlauf ein enorme Vielfalt an Energie, Kraft und Mitreißertum entwickelt.
Lametta ist ein Album, das wie geschaffen ist für diese Jahreszeit!

Louka tourt mit Band bald durch diese Städte und Clubs.
Geht da hin, man darf Großes erwarten:

20.09.17 Leipzig - Täubchenthal
21.09.17 Göttingen - Nörgelbuff
22.09.17 Mainz - Schon Schön
23.09.17 Halle - Objekt 5
24.09.17 Tübingen - Sudhaus
26.09.17 Hannover - Faust / Warenannahme
27.09.17 Saarbrücken - Theater im Viertel
28.09.17 Mannheim - Kino Odeon
29.09.17 Essen - Grend
01.10.17 Köln - Wohngemeinschaft
02.10.17 Düsseldorf - FFT Theater
03.10.2017 Hamburg - Nochtwache
04.10.2017 Berlin - Privatclub
05.10.2017 Erfurt - Museumskeller







PS: Liebe Louka, sorry für den Berlin-Kommentar. Und: Viele sind auf dem Weg nach ganz oben gescheitert.

Montag, 18. September 2017

Angus & Julia Stone - "Snow"

Räkel, räkel; zupf, zupf. Foto: Jennifer Stenglein
(ms) Es gibt ja fast nichts klischeehafteres, als eine Besprechung über eine Geschwisterband mit Geschwisterbands einzuleiten. Also den Bee Gees zum Beispiel. Oder Madsen. Bei den Toten Hosen könnte man es auch denken, aber die haben alle nur den gleichen Vor- und nicht Nachnamen. Deshalb lassen wir das gekonnt und steigen ganz anders ein. Diese Geschichte ist im Jahre 2011 verortet und startet beim Ende des BootBooHook Festivals, das es mal in Hannover gab. Es war ein warmes, bierintensives Wochenende im August mit Art Brut, Get Well Soon und Wir sind Helden. Die größte Aufgabe allerdings bestand darin, mit einem abgefahrenen (also nicht mehr anwesenden) Außenspiegel sonntagnachts über die A2 nach Hause zu fahren. Als nicht so sicherer Autofahrer ist das eine heikle Sache, ging aber gut. Und plötzlich - keine Ahnung, welcher Sender im Radio lief - tönte es wunderschön aus dem Radio. Wir hörten hin und waren sofort ergriffen. Entweder ergab die Moderatorenansage oder die Handysuche, dass es Angus & Julai Stone waren mit dem Lied Black Crow aus dem Album Down The Way. Dieses ist herausragend und liefert unter anderem den Riesenhit Big Jet Plane. In der Zwischenzeit haben die Australier eine weitere Scheibe veröffentlicht. Letzten Freitag (15.09) kam dann der neuste Streich: Snow! Und das im Herbst. Es wäre ein sinnvoller Titel für das furchtbare Weihnachtsgeschäft. Aber nun gut. Wir haben es durchgehört und präsentieren Euch unsere Eindrücke Lied für Lied.

1. Snow
Lässige Gitarre, schönes Elektroschlagzeug und dann "Lalalalala". Es beginnt gut und genauso wie man es sich vorgestellt hat: total entspannt. Dann der Gesang von Julia in sofortiger Antwort ihres Bruders. Ein bisschen mehr Percussion machen diesen verträumten Song im Refrain kombiniert mit leichtem Orgelspiel genau zur richtigen Wahl zur ersten Single: Gut! Keine Wintergefühle.

2. Oakwood
Bei dem Intro will ich ganz schnell und unumwunden am Strand liegen, ein schönes Kaltgetränk dabei genießen und den Wellen bei ihrer Ankunft an der Brandung zusehen. Angus' sonst eher gewollt brüchiger Gesang tritt hier selbstsicher auf, gefällt gut. Der Wechselgesang an sich ist natürlich Teil des ganzen Projekts; hier entfaltet er sich sehr angenehm!

3. Chateau
Zweite Single, ab dafür! Der nach einigen Takten einsetzende und dann treibende Bass-Drum-Beat berechtigt allemale dafür! Julias Säuseln im Hintergrund bringt Rauschzustände beim Hörer zutage. In diesem Schloss kann man sich verirren, schön.
Und klar: Dies ist formvollendeter Pop!

4. Cellar Door
Hier wird es persönlich. Und weil sie halt Schwester und Bruder sind, doppelt persönlich, wenn es um die Beerdigung des Großvaters geht. Was natürlich immer höchstgradig traurig erscheinen mag, hat hier doch einen gar nicht so melancholischen Ton, wie der Text erahnen lässt. Wieso nicht?! Funktioniert gut.

5. Sleep Alone
Sollte man die Band nicht kennen und wie sie sich präsentiert auf Fotos, denkt man schnell: "Ach schön, ein Pärchen macht Musik, wie romantisch." Das suggeriert auch irgendwie der Titel, das Ende einer Beziehung. Da das ja aber alles nicht so ist: Goodbye Gedanke.
Da fragt man sich ja halt auch schnell wie es ist, mit dem Bruder oder der Schwester eine Band aufrecht zu halten, als ob man nicht schon genug miteinander zu tun hat. Seit dem letzten Album schreiben sie ihre Songs gemeinsam und haben dieses Album auch allein produziert. Es scheint ja hervorragend zu harmonieren im Hause Stone.

6. Make It Out Alive
Verspieltes, gezupftes Intro mit dem langsam heranschleichenden Gedanken, ob noch ein richtiger Hit auf dem Album wartet. Die Songs bis jetzt waren schön und angenehm und rund; doch so richtig gezündet hat es noch nicht. Trotz der schönen Basslinie verliert sich dieser Track schnell.

7. Who Do You Think You Are
Nein, nein, das Lied, an das man hier schnell denken mag, heißt "Jar of Hearts". Und das hat leider auch mehr Energie als diese Nummer, obwohl es schön gitarrenpoppig ist.

8. Nothing Else
Ein Song ohne Höhepunkte.

9. My House Our House
Der schöne Chorgesang ab der Hälfte des Tracks gibt richtig Hoffnung. Es ist ein herrliches Lied der Gemeinsamkeit. Es wird sich ideal eignen, am Ende eines Konzerts als Sing-a-Long von den Fans weitersingen zu lassen.

10. Bloodhound
Stimmungsumschwung und der fiese Gedanke, dass sich das Album endgültig festgefahren hat. Hier geht es so unspektakulär zu, dass die Betätigung der Skip-Taste die einzig richtige Entscheidung ist.

11. Baudelaire
Wiederholen will ich mich nicht. Weiter...

12. Sylvester Stallone
Mittlerweile ist es nur noch schön, dass es der letzte Song des Albums ist. Das klingt jetzt wirklich schlimm, aber selten war Musik so belanglos. Es nervt noch nicht einmal und es ist unerklärlich, wieso Rick Rubin sich so sehr für Angus & Julia Stone begeistern konnte.
Mehr muss nicht gesagt werden, keine Conclusio, keine abschließende Wertung, es wurde genug gewertet.

Wer mag, kann sich die beiden hier ansehen:

11.10. Köln - Palladium
13.10. Stuttgart - Hegel-Saal
26.10. Zürich - Samsung Hall
28.10. Genf - Arena
29.10. Wiesbaden - Schlachthof
30.10. Berlin - Columbiahalle
03.11. München - Zenith
05.11. Hamburg - Sporthalle






Freitag, 15. September 2017

RAZZ - Nachtaktive Emsländer

Foto: Nils Lucas
(sb) RAZZ stammen aus dem Emsland, das nicht unbedingt als Wiege der Rockmusik bekannt ist, doch ihr Erstlingswerk "With Your Hands We'll Conquer" ließ darauf schließen, dass die Jungs vorhaben, dies nachhaltig zu ändern. Das war frisch, das war catchy, das war ein leuchtender Hoffnungsschimmer aus dem Norden der Republik. Anfang September erschien nun das zweite Album, der traditionell schwere Nachfolger, namens "Nocturnal" und wir waren natürlich gespannt, ob die Band das hohe Niveau halten konnte. Aber lest selbst...

Als Produzenten holten sich die vier Herren aus Schöninghsdorf direkt mal ein Koryphäe ins Studio: Stephen Street hat in der Vergangenheit unter anderem mit The Smiths, Blur und den Kaiser Chiefs gearbeitet. Von deren Ruhm sind RAZZ natürlich noch meilenwert entfernt, die Ambitionen dazu sind aber auf "Nocturnal" durchaus zu erkennen. Nichtsdestotrotz zündet das Album nicht so, wie ich das erwartet und es mir erhofft hatte. Häufig klingt es ein wenig zu glatt, auch die Stimme von Sänger Niklas Keiser hat mich auf dem Debüt mehr gepackt und klingt diesmal in manchen Passagen erstaunlich ausdruckslos und austauschbar. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Songwriting noch immer stark ist, wobei man sich jetzt schon für das dritte Album etwas mehr Abwechslung wünscht. Ich persönlich empfinde es so, dass man sich aktuell noch zu sehr auf Keisers durchaus bemerkenswerte Sangeskunst und dessen Charisma (sollte man sich live nicht entgehen lassen) verlässt und sich dessen gar nicht bewusst ist, dass auch die anderen drei Musiker verdammt viel auf dem Kasten haben.

War "With Your Hands We'll Conquer" noch eine ziemlich straighte Rockscheibe, so nehmen diesmal elektronische Elemente für meinen Geschmack etwas zu sehr Überhand. Ist das der Zeitgeist? Eine Spielerei? Und überhaupt: Brauchts des? Ich sehe darin keine Erweiterung des musikalischen Spektrums, sondern eher eine Verschwendung des ohne Zweifel vorhandenen Rockpotenzials der Emsländer. Wenn ich vorher geschrieben habe, ich wünsche mir mehr Abwechslung, dann möchte ich hiermit klarstellen: elektronische Elemente in dieser Masse sind damit nicht gemeint.

Zugegebenermaßen klingt das jetzt alles sehr viel negativer als gewünscht, das liegt aber wohl daran, dass meine Erwartungen nach dem herausragenden Debütalbum extrem hoch waren. Somit möchte ich nochmal klarstellen: "Nocturnal" ist eine durchaus hörenswerte Scheibe, die im Vergleich zu vielen anderen Veröffentlichungen, die ich den vergangenen Wochen hören durfte, absolut positiv heraussticht, aber eben leider nicht ans Vorgängeralbum heranreicht, weil sich RAZZ aus meiner Sicht nicht ausreichend ihrer Stärken bedienen.

Live dürfte das Ganze aber dennoch gewohnt ziemlich geil werden, also hin da:

22.09.17 Reeperbahnfestival, Hamburg, DE
14.10.17 Fibbers, York, UK
21.11.17 Phönixhalle, Dortmund, DE (Support von Mando Diao)
22.11.17 Gleis 22, Münster, DE
23.11.17 Columbiahalle, Berlin, DE (Support von Mando Diao)
24.11.17 Palladium, Köln, DE (Support von Mando Diao)
25.11.17 Sporthalle, Hamburg, DE (Support von Mando Diao)
29.11.17 Zenith, München, DE (Support von Mando Diao)
30.11.17 Kulturladen, Konstanz, DE
01.12.17 Schlachthof, Wiesbaden, DE (Support von Mando Diao)
02.12.17 Kantine, Augsburg, DE
05.12.17 Club Stereo, Nürnberg, DE
07.12.17 Orpheum, Graz, AT
09.12.17 Täubchenthal, Leipzig, DE
10.12.17 Groove Station, Dresden, DE
11.12.17 Kalif Storch, Erfurt, DE
12.12.17 Bebel, Cottbus, DE
05.01.18 Helgas Stadtpalast, Rostock, DE
06.01.18 Orange Club, Kiel, DE
07.01.18 Knust, Hamburg, DE
08.01.18 Bei Chez Heinz, Hannover, DE
10.01.18 The Tube, Düsseldorf, DE
11.01.18 EXIL Rock-Musik-Club, Göttingen, DE
12.01.18 Kammgarn, Kaiserslautern, DE
13.01.18 Kellerclub, Stuttgart, DE
14.01.18 FZW, Dortmund, DE
16.01.18 Atomino, Chemnitz, DE
17.01.18 Theater in der grünen Zitadelle, Magdeburg, DE
18.01.18 Lagerhalle, Osnabrück, DE
19.01.18 Tower, Bremen, DE
23.01.18 B 72, Wien, AT
24.01.18 Ampere, München, DE
25.01.18 Dynamo Werk 21, Zürich, CH
26.01.18 Jazzhaus, Freiburg, DE
27.01.18 Stadtmitte, Karlsruhe, DE
29.01.18 Zoom, Frankfurt/Main, DE
30.01.18 Zeche Carl, Essen, DE
31.01.18 Halle02 Club. Heidelberg, DE
01.02.18 Luxor, Köln, DE





KW 37, 2017: Die luserlounge selektiert

enofaber.com
(ms) Im Lied "Antilopen 2" von PeterLicht gibt es die herrliche Zeile "Di-di-di-di-di-di-di-di-di-die Wärme der Maschinen / da-da-da-da-da-da-da-da-das verbotene Wort heißt Herbst." Das dachte ich mir auch, als ich mehr oder weniger versucht habe innerhalb dieser Woche zu Fuß oder mit dem Rad meine täglichen Wege zu bestreiten. Der Weg wurde geziert mit heruntergefallenen Ästen und Kastanien lagen aufgesprungen auf dem Boden. Ist der Herbst etwa da?! Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es noch schön wird. Oder halt bleibt. Das beste der Woche:

Tim Neuhaus
Er ist dieses Jahr wieder fleißig hinter und an dem Schlagzeug von Clueso unterwegs gewesen, auch bei dessen eigenem Openair in Erfurt, wo Tausende mitten in der Stadt gefeiert haben. Nach der langen Tourerei ist es wieder höchste Zeit, dass Tim Neuhaus ein eigenes, neues Album herausbringt. Es heißt "Pose I & II" und erscheint kommende Woche beim großen Label Grand Hotel van Cleef. Er hat experimentiert und genauso wieder herrlichen Gitarrenpop fabriziert. Es gibt Eindrücke und Tourdaten. Geht da hin, es wird klasse, er ist ein toller Typ!


25.09.17 - Köln, Emergent Sounds
05.12.17 - Hannover, Lux 
06.12.17 - Bielefeld, Bunker Ulmenwall 
07.12.17 - Heidelberg, Karlstorbahnhof 
08.12.17 - Frankfurt, Brotfabrik 
09.12.17 - Köln, Artheater 
11.12.17 - A - Wien. B72 
12.12.17 - München, Ampere 
13.12.17 - Leipzig, Kupfersaal 
14.12.17 - Hamburg, Uebel & Gefährlich 
15.12.17 - Oberhausen, Druckluft 
16.12.17 - Bremen, Tower 
17.12.17 - Berlin, Musik & Frieden

Alexandra Savior
„Feministisches Angst-Horrorfilm-Gefühl“. Wer seine eigene Musik so beschreibt ist entweder ein bisschen bekloppt oder genial. Bei Alexandra Savior trifft sicherlich ein Mix aus beidem zu. Bei dieser famosen Stimme würde man erst spät drauf kommen, dass sie Jahrgang 1995 ist und mit Alex Turner (Arctic Monkeys) ihr Debutalbum kreiert hat. "Girlie" ist die erste Auskopplung dazu und eine tolle Abwechslung zu den gleich klingenden Frauenstimmen aus dem Radio mit Riesenproduktion im Hintergrund. Ihr Album "Belladonna of Sadness" ist käuflich zu erwerben.


Destroy Degenhardt
Man trägt jetzt Maske bei Audiolith Records. Nachdem Waving The Guns über die linke Szene und Rostock heraus bekannt wurden, kommt mit Destroy Degenhardt der nächste maskierte Rapper beim großen Hamburger Label unter. Ein bisschen klingt er ja nach Marteria, also die Stimme. Und der Beat?! Ja, vielleicht auch, insgesamt aber nicht so umfassend produziert. Der Düsseldorfer veröffentlicht am 3. November sein Erstling, das auf den Namen "Das Handbuch des Giftmischers" hört. Die ersten Hörproben lassen aufhorchen, denn die Texte sind ausgefallener und feingeschliffener als zuletzt bei Johnny Mauser oder Captain Gips. Degenhardt ist keineswegs ein unbeschriebenes Blatt, hat schon mit NMZS gerappt und mehrere Langspieler auf dem Markt. Oh ja, es wird ein richtig spannender Herbst!



Donnerstag, 14. September 2017

Live in Bielefeld: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen

Foto: Stefan Malzkorn
(ms) Was soll das denn jetzt, wieso hat dieser Konzertbericht denn keine Fotos vom Konzert zu bieten?! Das ist ja eine ganz schwache Leistung vom Verfasser, da lese ich gar nicht weiter, ich will ja Fotos sehen. Live is live.
Ja. So oder so ähnlich.
Denn der Grund, warum hier "nur" ein PR-Foto der Band zu sehen ist und keines aus dem schönen Club Nr z.P. in Bielefeld von gestern Abend, ist ganz einfach: Das Konzert war so dermaßen stark, dass es kein Foto braucht, um wirklich allen Menschen dringendst zu empfehlen, dass sie Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen live auf ihrer aktuellen Tour sehen sollten!
Es war kurzweilig, extrem unterhaltsam, nah, tanzbar und man wusste nie genau, wann man ein neues Bier holen sollte, denn man wollte bloß nichts verpassen. Zum Glück ist der Laden relativ klein, sodass der Gang zur Bar schnell zu erledigen ist.
Im Gepäck hatten die fünf Hamburger mit Sänger Carsten Friedrichs am Gesang ihr neues, famoses Album "It's Okay To Love DLDGG" und enorm viel Bock, die neuen Songs auf die Bühne zu bringen. So wurden es Hits, Hits und noch mehr Hits in den knapp siebzig bis achtzig Minuten. Neben selbst betitelten sehr guten Liedern wie "Alle Ampeln auf Gelb" oder "Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort" gab es natürlich auch die Knaller von der neuen Scheibe wie "Der große Kölner Pfandflaschenbetrug" oder "Song für Eis-Gerd", das so geil war - ja, hier ist dieses Wort genau an der richtigen Stelle. Nicht nur der irre Humor aus den Textzeilen, sondern auch das erstklassige Saxophonspiel von Philip Andernach haben dieses Konzert so gut gemacht. Desweiteren haben sich Carsten und Co. schnell mit dem Publikum unterhalten, es gab Diskussionsstoff zu Werner Enke und die unmittelbaren Aufforderungen ihre eingängigen Lieder im Chor weiterzusingen: Hat wunderbar funktioniert.
Man muss kein altgedienter Fan von Superpunk oder der Liga sein, um schnell mitgerissen zu werden. Und wenn sie sagen, dass es okay sei, sie zu lieben, ist es untertrieben: Verehren sollte man sie, ihnen die Füße küssen oder zumindest gemeinsam ein Bier trinken.
Das kann man bald hier und, liebe Leser: Geht. Da. Hin!

14.09.17 Hannover – Bei Chéz Héinz
15.09.17 Köln – Gebäude 9
16.09.17 Wolfsburg – Saunaclub
29.09.17 Leipzig – Naumanns im Felsenkeller
30.09.17 Mainz – Schon Schön
01.10.17 Karlsruhe – KOHI
02.10.17 Stuttgart – Goldmarks
12.10.17 Düsseldorf – Tube
13.10.17 Aachen – Raststätte
14.10.17 Münster – Gleis 22
27.12.17 Bremen – Lagerhaus
11.01.18 Ulm – Hudson Bar
12.01.18 Nürnberg – Club Stereo
19.01.18 Flensburg – Volksbad
20.01.18 Rostock – Zwischenbau



Freitag, 8. September 2017

KW 36, 2017: Die luserlounge selektiert

Quelle: dafont.com
(ms) Lang ist's her. Da hatten wir eine Serie über den neuesten heißen Kram, den die Videoportale, Albumankündigungen und Newsletter so herbrachten. Dies lassen wir an dem heutigen Tage wieder auferstehen mit dem Ziel, wöchentlich zu präsentieren, was es Hörenswertes, zu Entdeckendes und zum Dahinschwelgen gibt. Es kommen Videos, Livetermine, Aktionen undundund. Wir schauen dabei, was gefällt, provoziert, Laune macht oder herrlicher Trash ist. Ab geht's!

Superorganism
Eine Newcomerband mit internationalem Aufgebot von Japan bis Neuseeland. Genauso schräg klingen sie auch; ja, der optische Eindruck verhilft da enorm! Denn das Video zu "Something for your M.I.N.D" ist so furchtbar und genial gleichzeitig, dass man beim zweiten Durchlauf erst den genialen Song entdeckt. Nebenbei: Die Sängerin ist siebzehn Jahre jung (in Zahlen: 17).



Live spielt das Kollektiv hier:
22.09.27 Reeperbahn Festival, Hamburg, Germany
05.10.17 Village Underground, London, UK
14.10.17 Band On The Wall, Manchester, UK
21.20.17 Primavera Club, Madrid, Spain
22.10.17 Primavera Club, Barcelona, Spain
28.10.17 London Calling, Amsterdam, Netherlands
02.11.17 Beacons Metro, Leeds, UK (with Jungle)
17.11.17 Sonic Visions Festival, Luxembourg

Antiheld
Jetzt sofort zu sagen, dass Antiheld Santiano in jung sind, wäre das echt unfair. Jedoch ist der Sound ähnlich maritim angehaucht, überzeugt aber mit Großstadtflair und schickeren Bandmitgliedern. Ihr Debut "Keine Legenden" erscheint am 22. September und "Berlin am Meer" ist ein fetziger Vorbote, der den irgendwie nicht stattgefundenen Sommer nochmal richtig zum Aufleben bringt:



Umsonst und draußen spielen sie hier:
09.09.17 Köln (Domplatte, 15 Uhr)
16.09.17 München (Bavaria Statue, 15 Uhr)
21.09.17 Hamburg (Spielbudenplatz, 11 Uhr)
23.09.17 Stuttgart (Schlossplatz, 15 Uhr)
29.09.17 Berlin (Alexanderplatz, 15 Uhr)

Die Tour geht hier entlang:
03.11.17 Hannover, Lux
04.11.17 Hamburg, Prinzenbar
16.11.17 Berlin, Privatclub
17.11.17 Köln, JUNGLE
18.11.17 München, STROM
24.11.17 Leipzig, Neues Schauspiel
25.11.17 Dortmund, FZW
08.12.17 Frankfurt, Das Bett
09.12.17 Stuttgart, Jugendhaus Hallschlag

Sedlmeir
Schon irre lang im Geschäft und bald wieder mit neuem Album: Sedlmeir. Der Name klingt vielversprechend und das Label bezeichnet sein Genre als Hardschlager. Das ist mehr als nur Christian Steiffen. Es wird romantisch, nachdenklich und teils knallhart analytisch. Am 27. Oktober erscheint "Fluchtpunkt Risiko" bei Rookie Records. Leider gibt es noch kein neues Material, was wir verlinken können. Doch wie heißt es so schön: Oldie but Goldie:



Live kann man sich das Spektakel dann hier reintun:
14.09.17 Tübingen, Blauer Salon
13.10.17 Freiburg, Slow Club
14.10.17 Dettenhofen, Fuchs und Has
27.10.17 Köln, Museum (Release Party)
28.10.17 CH-Zürich, Helsinki Klub (Release Party)
29.10.17 Stuttgart, DIE BAR
03.11.17 Berlin, Cortina Bob (Release Party)
10.11.17 Brandenburg, Fontane Klub
15.12.17 Saarbrücken, Kleiner Klub Garage
16.12.17 CH-Olten, Coq d’or
21.12.17 Duisburg, Indie

Freitag, 1. September 2017

Everything Everything - A Fever Dream

Everything Everytghing
(ms) Momente, um eine Band für sich zu entdecken, gibt es zahlreiche. Sie haben jedoch alle unterschiedliche Qualität! Von ihr in der Zeitung (oder auf einem Blog) zu lesen kann großartig sein, jedoch kommt dadurch meist nicht die klangliche Eigenart einer Platte rüber, die eine Band oft so faszinierend macht. Dann gibt es noch zwei weitere Momente, die stark in Konkurrenz miteinander stehen.
1.) Live sehen: Vielleicht ist sie die Vorband derjenigen Gruppe, weshalb man gerade ein Konzert besucht, und sie reißt einen schier mit, dass man danach schon gehen kann. Einschränkung: Es ihr zu wünschen, dass eben diese Vorband selbst größer wird und in Bälde wieder in die Nähe kommt. Oder man sieht die Gruppe halt auf einem Festival, man schlendert durch die Gegend, wird neugierig, holt sich ein neues Bier und verliert sich in diesen Klängen.
2.) Bei einer richtig guten Party. Man ist raus mit Freunden, schon beim x-ten Getränk angekommen, hat vielleicht einen schönen Menschen am Abend ins Visier genommen und dann ertönt der Song, der einen zusammenschweißt oder bei dem man allein die Faust in den nächtlichen Himmel reckt, weil die Rhythmen einem in jedem Takt dazu Anlass geben.

Die neue Platte der Briten Everything Everything hat so viele brachial gute Hits im Angebot, dass sich fast jeder dazu eignet, diese Momente hervorzurufen! Und jedem Musikliebhaber ist es zu wünschen, dies live zu erleben. Die elf Lieder auf A Fever Dream, das am 18. August erschienen ist, sprühen vor Energie, Genialität und vielen Takten, die dieses große charakteristische Gefühl mit sich tragen, das uns zu Musiknarren macht. Wenn die Musik einen packt, nicht mehr loslässt, den Hörer jeden Gedanken vergessen lässt und sie ihren großen Suchtfaktor auspackt. Auf ihrem vierten Album erzeugen die ehemaligen Musikwissenschaftsstudenten einen ganz eigenen Sound mit dem Besten aus Bloc Party und Alt-J, wobei sie ab und an auch in den Sprechgesang wechseln! Vieles ist elektronisch, am Laptop und mit Synthesizer produziert und nur bei den ersten beiden Durchläufen kommt dem Hörer der hohe Gesang der Gruppe eigenartig vor. Ja, am Anfang kann das ein bisschen nerven, doch nach und nach gibt der Sog der Lieder genug Grund, sich darin zu verlieben, wenn Alex, Jonathan, Jeremy und Michael die Gitarrenriffs ertönen lassen, im Chor singen, die verschiedensten Percussioninstrumente zum Leben bringen und rotzig-genial den Zuhörenden ummanteln. Klar muss die Musik außergewöhnlich sein, wenn die Macher vom akademischen Fach sind. Doch das, was sie in dieser Dreiviertelstunde geschaffen haben, ist wirklich nicht zwingend zu erwarten.

Die Platte beginnt auf Night Of The Long Knives mit einem tiefen Electro-Bass-Beat und nach 40 Sekunden bricht eine Geräuschwand durch die Lautsprecher, die es einem nicht länger erlaubt, still sitzen zu bleiben. Für den Rest sorgt der treibende Schlagzeugrhythmus. Generell das Schlagzeug: Es ist der gut geölte Motor der Platte. Nächstes gutes Beispiel und Argument, dringend dieses Album zu kaufen: Der Refrain bei Can't Do oder der gesamte Song Desire. Apropos Refrain: Der von Run The Numbers ist auch so ein wuchtiges Teil!
Wer bei Big Game denkt: "Ahh, eine schöne Ballade", der sollte zweieinhalb Minuten warten, da erlischt jede Romantik und der nächste Wow-Moment überstömt den Aufmerksamen. Auch der Titeltrack weiß durch langsame Dynamik zu überzeugen. Ivory Tower kann dabei als der absolute Höhepunkt betrachtet werden!
Das gesamte Album ruft Suchtzustände hervor, den Autor haben sie schon gepackt und ihn erlegt.
Daher: Ganz dringender Kauf- und Hörtipp!

Sie sind hierzulande am 23. September auf dem Reeperbahn Festival zu sehen! Wer kann, der sollte!